Eines der größten Sorgenkinder des Bildungssystems ist der Lehrermangel an Schulen. Während es in der Hauptstadt und in großen Städten einen harten Wettbewerb um offene Lehrerstellen gibt, sieht es in den Regionen genau umgekehrt aus. Besonders an Dorfschulen ist der Mangel deutlich spürbar. Es wurden verschiedene Projekte umgesetzt, um das Problem zu lösen – doch wie wirksam waren sie wirklich? Und wie ist die aktuelle Lage?
Oxu.Az veröffentlicht hierzu einen Artikel der Zeitung Kaspi.
Derzeit arbeiten in den allgemeinen Bildungseinrichtungen Aserbaidschans mehr als 20.000 junge Lehrkräfte. In den letzten fünf Jahren wurden 18.136 neue Lehrer eingestellt.
Im Einstellungsverfahren für das Schuljahr 2023/2024 erhielten 6.081 junge Lehrkräfte eine Anstellung: 2.967 mit unbefristeten und 3.114 mit befristeten Verträgen. Von ihnen wurden 3.543 an Dorfschulen mit besonderen Förderprogrammen versetzt – 1.768 im Rahmen von H1 und 1.775 im Rahmen von H2.
„Die Maßnahmen reichen nicht aus“
Laut Ceyhun Mammadov, Mitglied des Parlamentsausschusses für Wissenschaft und Bildung, besteht der Lehrermangel in den Regionen seit Langem und verschärft sich zunehmend:
„In Zukunft werden wir sehen, wie sich dieses Problem weiter vertieft. Es wurden einige Anreize geschaffen, doch sie reichen nicht aus. Wir müssen überlegen, wie wir den Beruf wirksamer fördern können. Andernfalls ist die Qualität der Bildung in den Regionen ernsthaft gefährdet.“
„Lehrer wollen nicht in abgelegene Gebiete“
Elmin Nuri, Sektorleiter im Zentrum für Sozialforschung, ist der Meinung, dass es im Land keinen generellen Lehrermangel gibt, sondern vor allem Schwierigkeiten bei der Zuweisung in abgelegene Dörfer:
„In manchen Fächern bestehen hunderte Bewerber die Prüfungen mit guten Ergebnissen, aber nur wenige bekommen eine Stelle. Das Problem liegt in der geografischen Verteilung und in unzureichenden sozialen Rahmenbedingungen.“
Für Nuri liegen die Hauptursachen in sozialen Faktoren:
„Klima, Straßen und Lebensbedingungen machen es Lehrern schwer, lange zu bleiben. Die meisten, die sich auf solche Stellen einlassen, sind Frauen – und ihre Anpassung fällt oft schwerer.“
Altersgrenze in der Kritik
Nuri fordert Änderungen bei den H1- und H2-Programmen:
„H1 gilt für Lehrer, die 20 km vom Bezirkszentrum entfernt arbeiten, H2 für 40 km – aber nur für unter 35-Jährige. Diese Altersgrenze sollte abgeschafft werden. Anreize müssen finanziell und sozial attraktiver gestaltet werden.“
„Nicht nur ein Personalproblem“
Für Kamran Asadov von der ADPU weist das Problem auch auf strukturelle Defizite hin:
„In Baku und Abscheron kommen durchschnittlich 7 Bewerber auf eine Stelle. In Bezirken wie Qax, Lerik, Kalbadschar, Yardimli oder Balaken gibt es in manchen Fächern jedoch keinen einzigen Bewerber. Das gefährdet direkt die Unterrichtsqualität.“
Internationale Beispiele
Asadov verweist auf Modelle aus Finnland und Südkorea:
„In Finnland dürfen Lehrer, die drei Jahre in ländlichen Gebieten gearbeitet haben, ins städtische Schulsystem wechseln und Weiterbildungsprogramme besuchen. In Korea erhalten Lehrer in Dorfschulen 25–40 % Gehaltszuschlag sowie medizinische und schulische Unterstützung für ihre Familien. In Aserbaidschan fehlt ein solcher Ansatz völlig.“
Lösungsvorschläge
Experten empfehlen, dass das Ministerium eine „Bildungs-Risikokarte“ der Regionen erstellt, den Hochschulzugang entsprechend den jährlichen Prognosen anpasst und Lehrkräften für abgelegene Gebiete Stipendien, Wohnraum, Transport- und Sozialleistungen bietet. Andernfalls wird es in den nächsten fünf Jahren noch schwieriger, qualifizierte Lehrer in den Regionen zu finden, und die Bildungsunterschiede zwischen Zentrum und Peripherie werden größer.
