Auf Novosti Kavkaza argumentierte der Analyst Farhad Mammadov, dass das jüngste Interview von Präsident Ilham Alijew mit Al Arabiya einen Wendepunkt markiere: Aserbaidschan etabliert in den Beziehungen zu Russland ein pragmatisches „neues Normal“, gegründet auf historischer Klarheit, transaktionalem Pragmatismus und einer breiteren eurasischen Strategie.
Geschichte beim Namen genannt
Mammadov betonte, dass die Bezeichnung des Einmarschs der Roten Armee 1920 als Besatzung in Bakus Narrativ nicht neu sei. Sie ist in Lehrbüchern und in der Unabhängigkeitserklärung von 1991 verankert. Neu sei Moskaus Versuch, dieses Kapitel als „Bürgerkrieg“ oder „freiwilligen Eintritt“ umzudeuten. Für Aserbaidschan ist die Sache entschieden: „Geschichte ist eine präzise Wissenschaft. Besatzung muss Besatzung genannt werden.“
Russlands Reaktion — und die MGIMO-Ablenkung
Einige russische Kommentatoren versuchten, Alijews Worte in eine Kritik an Heydar Alijews sowjetischer Karriere zu verkehren. Mammadov wies das als Propagandalärm zurück und hob hervor, dass Aserbaidschan seine sowjetische Vergangenheit nicht auslöscht — es steht dazu, einschließlich seiner eigenen Feier des Tags des Sieges. Was Baku ablehnt, ist Moskaus Angewohnheit, Nachbarn zu belehren, während es der eigenen ungelösten nationalen Identität zwischen „imperial“ und „föderal“ ausweicht.
Ein „neues Normal“ mit Moskau
Nach Mammadov bewegen sich die Beziehungen zu Russland aus einer emotionalen Phase in einen strukturierten Pragmatismus:
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Findet am Rande kommender Gipfel (etwa in China) kein Alijew-Putin-Treffen statt, sind erhöhte Eskalationsrisiken wie die Spannungen von Jekaterinburg zu erwarten.
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Kommt es zu einem Treffen, könnte dies eine stärker transaktionale, wirtschaftsorientierte Beziehung rahmen — jedoch ohne Rücknahme aserbaidschanischer roten Linien.
Mammadov merkte an, dass Baku heikle Themen bereits direkt bei russischen Offiziellen angesprochen habe: Berichte über arbeitsplatzbezogene Säuberungen gegen Aserbaidschaner, Druck auf Unternehmen und Moskaus Ausweichen beim AZAL-Tragödien-Narrativ — im Kontrast zu Aserbaidschans Präzedenzfall zügiger Entschuldigung und Entschädigung nach dem Abschuss eines russischen Hubschraubers.
Kreml-„Wechselduschen“
Mammadov beschrieb die russische Politik als Mischung rivalisierender „Türme“ und einer Zentrale, die Widersprüche laufen lässt. Ergebnis ist eine „Wechselduschen-Diplomatie“: Schwenks von Wärme zu Druck, die verunsichern sollen. Aserbaidschans Antwort: auf konstruktive Schritte konstruktiv, auf destruktive fest reagieren — und sich nicht in Fraktionsspiele ziehen lassen.
SOZ: kein Block, sondern Plattform
Mit Blick auf den Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) stellte Mammadov fest, dass sowohl Aserbaidschan als auch Armenien Interesse an einer Mitgliedschaft signalisiert haben. Das Hindernis liege nicht in Prinzipien, sondern in den Rivalitäten Indien–Pakistan: Bakus Nähe zu Islamabad und Pakistans Nichtanerkennung Armeniens erschweren die Kalkulation.
Zugleich betonte er, die SOZ sei kein militärischer Block wie die NATO, sondern eine Plattform für Sicherheitsdialog und wirtschaftliche Initiativen, insbesondere digitale Integration unter chinesischer Förderung. Das lasse Raum, in der SOZ mitzuwirken und zugleich westliche Partnerschaften zu wahren.
Nach der Minsker Gruppe: Frieden verankern
Mammadov begrüßte die Auflösung der OSZE-Minsker Gruppe als bisher klarstes Zeichen des Fortschritts im Friedensprozess. Da US-bezeugte Erklärungen bereits vorliegen, warnte er, jede armenische Regierung, die die Anerkennung der territorialen Integrität zurückzunehmen versuche, werde nicht nur mit Baku, sondern auch mit Washingtons Erinnerung an dieses Versprechen kollidieren.
Regionales Gerüst
Vorerst sieht Mammadov Wert in praktischen Trilateral-Formaten — Aserbaidschan–Türkei–Georgien, Aserbaidschan–Usbekistan–Turkmenistan und sogar Aserbaidschan–Georgien–Ukraine bzw. Rumänien (Constanța) — um Handel und Transit am Laufen zu halten. Mit der Zeit werde die Abschreckung zu größeren globalen Akteuren wandern; die Dreiecke rückten stärker die Geoökonomie in den Fokus.
Fazit
Mammadovs Leitgedanke ist klar: Aserbaidschan spielt nicht bei Moskaus Spielen von Geschichtsleugnung oder Fraktionsintrigen mit. Es nennt die Geschichte beim Namen, setzt Fakten, die Reaktionen erzwingen, und baut mittels mehrerer Plattformen — GUAM, SOZ, Trilateral-Formate — Gleichgewicht auf, während der Frieden mit Armenien unumkehrbar gemacht wird.
„Keine aufgezwungene Kultur, kein coerciver Fußabdruck. Handel ja. Druck nein“, schloss Mammadov.
