Der jüngste Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) in Peking und die begleitende Militärparade zum 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs haben die Debatten über die regionale Position Georgiens neu entfacht. In einer Sendung auf Новости Кавказа gaben die erfahrene Journalistin Gela Vasadze und die ehemalige Reuters-Korrespondentin Margarita Antidze, heute Redakteurin der unabhängigen Plattform Project 64, deutliche Einschätzungen zu Russland, China und Georgiens unbequemer Lage zwischen beiden.
“Nicht mit Russland, Nicht gegen Russland”
Auf die direkte Frage, auf wessen Seite Georgien steht, antwortete Antidze: “Zu sagen, Georgien stehe auf Russlands Seite, wäre falsch. Aber zu sagen, Georgien sei gegen Russland, wäre ein noch größerer Fehler. Die Wahrheit ist, dass das Land seine Subjektivität verloren hat und irgendwo dazwischen steht.”
Sie beschrieb den Moment als “eine einmalige Gelegenheit seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion” — eine, die Georgien aufgrund politischer Lähmung und der Dominanz des Oligarchen Bidzina Iwanischwili im Inland nicht nutzen kann.
Moskaus Grenzen, Pekings Kalküle
Der SOZ-Gipfel selbst, argumentierte Antidze, sei eher Symbolik als Substanz gewesen.
“Was wir gesehen haben, waren Absichtserklärungen, keine bindenden Vereinbarungen. Selbst die viel gepriesene Pipeline ‘Kraft Sibiriens-2’ bleibt nur ein vages Versprechen.”
Sie stellte fest, dass Russland den Gipfel zwar als Beweis darstellt, nicht isoliert zu sein, das tatsächliche Gleichgewicht sich jedoch zugunsten Chinas verschiebt: “Moskau profitiert zwar weiterhin von Energieexporten, aber die Bedingungen sind für Peking weit günstiger als für den Kreml.”
Das Treffen zwischen Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew und Wladimir Putin in Peking — ein kurzer Handschlag vor laufender Kamera — wurde als weiteres Zeichen der sich wandelnden Dynamik gedeutet. “Der Ton aus Baku gegenüber Moskau hat sich geändert”, sagte Antidze. “Alijew spricht jetzt als Gleichrangiger, gestützt sowohl auf den Sieg auf dem Schlachtfeld als auch auf die Partnerschaft mit der Türkei.”
Innere Repression Überschattet Außenpolitik
Mitten in der Sendung kam eine Nachricht aus den Gerichten Tiflis: Mehrere junge Aktivisten erhielten in einem mit Protesten verbundenen Verfahren zweijährige Haftstrafen. Antidze bezeichnete das Urteil als “Copy-Paste russischer Szenarien” und sagte, es unterstreiche, wie weit sich Georgien von seiner einst gefeierten demokratischen Entwicklung entfernt habe.
“Genau in diesem Moment sollte Georgien Führung in der Region zeigen”, warnte sie, “doch stattdessen schrumpfen wir in Schweigen im Ausland und Repression im Inland.”
Ein Regionaler “Kampf um den Kaukasus”
Vasadze stellte das größere Bild als einen “epischen Kampf um den Kaukasus” dar, bei dem Russlands imperiales Erbe mit den Ambitionen der Türkei und den Interessen des Westens kollidiert. Für Georgien, so sagte er, liege die Gefahr in der Selbstisolation:
“Jahrzehntelang versuchte Georgien, sich aus Moskaus Orbit zu lösen. Heute, da die Sterne günstig stehen, verschwenden wir eine historische Chance.”
Beide Journalisten waren sich einig, dass das Ergebnis dieses Ringens nicht nur in Peking oder Washington entschieden wird, sondern darin, ob die Staaten des Südkaukasus stärkere regionale Formate schaffen können — von Transportkorridoren bis hin zu kollektiver Sicherheit.
Ausblick
Die Gastgeber schlossen mit einer vorsichtigen Bemerkung: Geschichte ist zyklisch, sagte Antidze, und kein Regime dauert ewig. Doch ohne äußere Schocks könnte Georgiens innere Stagnation andauern. “Dreizehn Jahre ein und derselben politischen Linie sind zu viel”, sagte sie. “Diese Regierung muss gehen — nur dann kann Georgien seinen Platz im Kaukasus zurückgewinnen.”
Quelle: Novosti Kavkaza (auf Russisch). Vollständiges Video hier
