Israels Schlag auf Doha bleibt eines der heißesten Themen der internationalen Debatte. Doch die Diskussion verschiebt sich zu einem noch gefährlicheren Szenario: einem möglichen Zusammenstoß zwischen Israel und der Türkei.
Berichten der libanesischen Tageszeitung Al-Akhbar zufolge erwog Israel zunächst eine Operation auf türkischem Boden, wo sich mehrere Hamas-Führer aufhalten sollen. Die Regierung von Premierminister Benjamin Netanjahu habe dies jedoch verworfen, aus Angst vor einer direkten Eskalation mit einem NATO-Mitglied, und stattdessen das Hamas-Hauptquartier in Katar ins Visier genommen, wo die Folgen diplomatisch über Washington eingedämmt werden könnten. Diese Perspektive wurde auch in einem jüngsten Artikel von Minval.az diskutiert, der betonte, dass ein solches Szenario in Baku unweigerlich Alarm auslösen würde.
Ob man solchen Leaks Glauben schenkt oder nicht, bleibt fraglich. Unbestreitbar ist jedoch die wachsende Spannung zwischen Israel und der Türkei. Und für Aserbaidschan ist dies nicht einfach eine weitere Auslands Krise.
Aserbaidschan zwischen zwei Verbündeten
Für Baku sind beide Länder wichtig. Die Türkei ist mehr als ein strategischer Partner; sie ist ein Bruderstaat, gebunden durch die Schuscha-Erklärung. Israel hingegen ist ein wichtiger Verteidigungs- und Technologiepartner, dessen Unterstützung im 44-Tage-Krieg 2020 entscheidend war. Ein ernsthafter Bruch zwischen Ankara und Tel Aviv würde Aserbaidschan politischen, militärischen und gesellschaftlichen Risiken aussetzen, die es sich nicht leisten kann. Die Intensität der Debatten in aserbaidschanischen sozialen Medien spiegelt diese Unruhe wider.
Die Risiken einer Eskalation
Israels Bilanz gezielter Tötungen im Ausland reicht Jahrzehnte zurück, und Netanjahu selbst diente einst als Kommandosoldat der Sayeret Matkal. Doch die Türkei ist nicht Katar.
Sie ist die zweitgrößte Militärmacht der NATO nach den USA, ein Staat mit eigener internationaler Koalition. Jeder israelische Versuch eines Schlages innerhalb der Türkei würde katastrophale Folgen nach sich ziehen: den Zusammenbruch dessen, was von der regionalen Sicherheit noch übrig ist, die seit den Angriffen vom 7. Oktober und Israels Gaza-Kampagne erschüttert wurde.
Stille Diplomatie in Baku
Vor diesem Hintergrund wird Aserbaidschan wahrscheinlich seine einzigartige Position als Brücke zwischen Ankara und Tel Aviv nutzen. Vertrauliche trilaterale Gespräche fanden Anfang dieses Jahres bereits in Baku statt, auch wenn ihre Ergebnisse nicht veröffentlicht wurden. Solche Kanäle könnten nun entscheidend sein, da die Spannungen steigen.
Israels diplomatischer Abstieg
Noch vor zwei Jahren erzielte die israelische Diplomatie Fortschritte mit den Golfmonarchien und näherte sich sogar der Türkei an. Heute sind diese Erfolge in Trümmern. Der Gaza-Krieg, gefolgt vom Schlag auf Doha, hat vieles davon zunichtegemacht.
Noch schlimmer für Netanjahu: Selbst die Europäische Union debattiert offen über Sanktionen. Für ein Land, das auf internationale Legitimität und Partnerschaften angewiesen ist, ist dies nicht nur ein Warnsignal – es ist eine Sirene.
Israel steht vor einer Entscheidung: den Weg der Isolation und Konfrontation fortzusetzen oder seine Strategie zu überdenken, bevor es einen Konflikt entfesselt, der zu groß ist, um kontrolliert zu werden.
