Von Anton Chablin, Doktor der Politikwissenschaft, Leiter des Analysezentrums „Accents“
Die Biden-Administration — unter Donald Trumps Rückkehr ins Amt umbenannt — hat mit großem Pomp die „Trump Route for International Peace and Prosperity“ (TRIPP) vorgestellt, einen Transitkorridor, der Aserbaidschan und Armenien mit der Türkei verbinden soll.
Parallel dazu hat Ankara den Bau der Eisenbahn Kars – Dilucu begonnen, die das westliche Ende dieser Route verankern und direkt nach Anatolien führen soll. Zusammen symbolisieren die beiden Projekte den Anspruch, die eurasische Logistik neu zu gestalten und den Südkaukasus als Dreh- und Angelpunkt der Neuen Seidenstraße zu positionieren. Doch der Korridor, oft als Zangezur-Korridor bezeichnet, bleibt in geopolitischer und geoökonomischer Unsicherheit gefangen.
Eine Lange und Schwierige Geschichte
Die Idee reicht bis in die Sowjetzeit zurück, als die Eisenbahn Zangelan – Nachitschewan durch die armenische Region Sjunik verlief. Sie wurde nach dem Ausbruch des Ersten Karabach-Krieges 1992 abgebaut, wodurch die aserbaidschanische Exklave Nachitschewan vom Mutterland abgeschnitten wurde. Seitdem ist die Wiederherstellung einer direkten Verbindung ein zentrales strategisches Ziel Bakus.
Nach dem Krieg von 2020 sah ein von Russland vermittelter Waffenstillstand die Wiedereröffnung regionaler Verkehrswege vor. Doch Eriwan leistete Widerstand, aus Angst vor einem Verlust der Souveränität in Sjunik, und warnte vor Projekten wie der vorgeschlagenen „Republik Gegharkunik – Sjunik“, die von aserbaidschanischen Aktivisten ins Gespräch gebracht wurde.
Aserbaidschan und die Türkei Machen Weiter
Baku treibt das Vorhaben dennoch voran. Der Bau der Eisenbahn Horadiz – Agbend ist zu fast zwei Dritteln abgeschlossen, begleitet von einer neuen Autobahn, die größtenteils von türkischen Firmen finanziert und gebaut wird. Ankara investiert seinerseits 2,8 Milliarden Dollar in die Linie Kars – Dilucu, die die Reisezeiten verkürzen und bis zu 10.000 Arbeitsplätze in Ostanatolien schaffen soll. Türkische Führer bezeichnen sie als nichts weniger als eine „Brücke zwischen Asien und Europa“.
Zusammen würden diese Ost-West-„Annäherungen“ das Rückgrat von TRIPP bilden. Ohne einen offenen Korridor durch Armenien riskieren sie jedoch, zu stranded infrastructure zu werden.
Konkurrenzrouten und Regionaler Widerstand
Armenien hat die Wiederbelebung der Eisenbahnlinie Idschewan–Gazach vorgeschlagen, einer nördlichen Alternative, die Sjunik vollständig umgeht und sich über Eriwan wieder mit russischen Bahnnetzen verbindet. Der Iran hat seine eigene Vision: die Wiederbelebung des Aras-Korridors durch seine Provinz Ost-Aserbaidschan, wodurch Teheran an den Ost-West-Strömen beteiligt wäre. Sowohl Eriwan als auch Teheran sehen den Zangezur-Korridor mit Misstrauen. Für Armenien bedeutet er Druck auf die Souveränität; für den Iran drohende Isolation.
Irans Unbehagen ist nicht neu. 2021 flammten Spannungen auf, als aserbaidschanische Kontrollpunkte iranische Lkw-Fahrer auf der Autobahn Goris – Kapan einschränkten. Teheran stellt TRIPP nun als einen von den USA unterstützten Versuch dar, es vom Kaukasus abzuschneiden und die Sanktionen zu verschärfen.
Washingtons Wagnis
Der US-Plan sieht einen 99-jährigen Pachtvertrag für ein privates amerikanisches Konsortium zur Verwaltung der Infrastruktur des Korridors innerhalb Armeniens vor. Auch wenn Washington keine Sicherheitsgarantien zugesagt hat, hat allein das Symbol einer langfristigen amerikanischen Präsenz bereits in Moskau und Teheran Alarm ausgelöst. Beide sehen darin eine direkte Herausforderung für ihren regionalen Einfluss.
Für Eriwan ist das Dilemma klar. Premierminister Nikol Paschinjan hat dem Iran versichert, dass Armenien über jeden Korridor die volle Souveränität behalten wird, mit intakten Zoll- und Grenzkontrollen. Baku hingegen stellt sich eine freie Verbindung nach Nachitschewan ohne armenische Aufsicht vor. Der einzige mögliche Kompromiss — von Aserbaidschan gezahlte Transitgebühren — dürfte politisch keine Seite zufriedenstellen.
Die Politische Uhr
Letztlich hängt das Schicksal des Korridors vom noch nicht ratifizierten Friedensvertrag zwischen Armenien und Aserbaidschan ab. Der Text wurde in Washington paraphiert, stößt aber auf Hürden: Baku fordert Verfassungsänderungen zur Streichung aller Bezüge auf Bergkarabach, während Paschinjan aus Angst vor innenpolitischem Widerstand bis nach den armenischen Wahlen 2026 zögern könnte. Sollte die Opposition siegen, könnte das Abkommen völlig scheitern.
Bis dahin bleibt der Zangezur-Korridor — und Trumps TRIPP-Vision — mehr Rhetorik als Realität.
