Armeniens politischer Drift: Zwischen der Flucht vor Russland und westlicher Abkühlung

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Seba Agayeva

In den letzten Monaten verfolgt Armeniens Außenpolitik einen deutlich geopolitischen Kurswechsel: weg von Moskau, hin zu Brüssel und Washington.

Doch hinter den lauten Erklärungen und scharfen Abgrenzungen gegenüber Russland steckt keine strategisch durchdachte Haltung, sondern politische Ratlosigkeit. Armenien, das seinen festen Verbündeten verloren hat, sucht vergeblich nach Unterstützung im Westen—wo es jedoch nur kurzzeitige Partner trifft, die sich nicht der Verantwortung für einen schwachen und krisengeschüttelten Staat stellen wollen.

Jahrzehntelang basierte Armeniens Außen- und Sicherheitspolitik auf engen Verflechtungen mit Russland: die OVKS-Mitgliedschaft, Russlands Militärbasis in Gjumri, wirtschaftliche und energetische Abhängigkeit qualifizierten formale Sicherheit, beschränkten jedoch die Souveränität.

Nach dem Zweiten Karabach-Krieg 2020 schwächte sich Moskaus Einfluss in Jerewan rasant. Die Niederlage traf die armenische Gesellschaft tief, und Premierminister Pashinyan machte den Kreml verantwortlich, indem er die anti-russische Sprache intensivierte. Zwischen 2022 und 2025 setzte Armenien seine Mitgliedschaft in der OVKS faktisch außer Kraft, verweigerte Militärübungen, blockierte Beschlüsse und distanzierte sich endgültig von Moskau.

In dieser Kulisse wurde öffentlich über die europäische Integration, eine Annäherung an die NATO und gemeinsame Werte mit dem Westen gesprochen. Doch statt konkreter Garantien blieb es bei vagen Signalen.

Jerewan erhielt zwar mehr Unterstützungssignale, europäische Missionen nahmen zu, humanitäre Initiativen wurden intensiviert – doch echte sicherheitspolitische Bindung fehlt weiterhin.

In diesem Vakuum geraten armenische Akteure in interne Debatten, dabei wechseln traditionelle antirussische Vorwürfe längst zur Angst vor einem Verlust an Souveränität zugunsten der USA.

Ein aktueller Facebook-Beitrag des Abgeordneten Arsen Torosyan aus der Regierungspartei zeigt diese Verunsicherung: Angeblich wolle die russische Agentur einen Korridor auf armenischem Gebiet, während die Regierung den gesamten Kommunikationsfluss freischalten will. Hier wird nicht über nationale Interessen, sondern über geopolitische Richtungswechsel gestritten.

Armenien droht zunehmend völkerrechtlich isoliert zu werden. Regionalnachbarn wie Türkei oder Aserbaidschan betrachten das Land nicht als verlässlichen Partner. Georgien verhält sich vorsichtig neutral. Staaten der Global South pflegen mit Baku verlässliche Beziehungen auf Augenhöhe.

ArmeniÆS Verwendungen der geopolitischen Neuausrichtung zur inneren Legitimation stoßen an äußere Grenzen: keine westliche Macht ist bereit, armenische Gebietsansprüche zu unterstützen oder das Ergebnis des Karabach-Krieges zu revidieren. Jede Verzögerung der Friedensverhandlungen mit Aserbaidschan findet international weniger Verständnis, da Baku als politisch stabile, integrationsorientierte Kraft wahrgenommen wird.

Damit bleibt Armenien Staaten ohne tragfähiges geopolitisches Fundament: Russland ist zwar abgelehnt, aber weiterhin präsent. Der Westen bleibt attraktiv, aber nicht involviert. Die regionale Umgebung agiert pragmatisch, aber nicht tolerant gegenüber Unsicherheiten.

In Kontrast dazu erzählt das Bild von Aserbaidschan Selbstvertrauen, Unabhängigkeit und Stabilität, das strategische Partnerschaften von Europa bis zum Global South aufbaut – auf Basis internationaler Legitimität und ausgewogener Interessen.

Armenien hat weiterhin die Chance, eine klare strategische Ausrichtung zu wählen – doch das Zeitfenster schließt sich rasch. Wer die Realität hinauszögert, verweilt in gefährlicher politischer Einsamkeit.

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