Russland steht vor erheblichen Verlusten im Energiehandel. Laut Reuters erwartet Moskau im Jahr 2025 Einnahmen aus Öl- und Gasexporten in Höhe von 200,3 Milliarden US-Dollar – ein Rückgang um 15 % gegenüber 235 Milliarden im Jahr 2024 und rund 40 % weniger als vor den Sanktionen im Jahr 2022. Das Centre for Research on Energy and Clean Air (CRECA) schätzt, dass Russland seit Inkrafttreten der EU-Sanktionen etwa 153 Milliarden Euro verloren hat, was es gezwungen hat, seine Verkäufe nach Asien umzuleiten.
China kauft inzwischen fast die Hälfte der russischen Rohölexporte, während Indien etwa 38 % übernimmt. Beide gelten jedoch als unzuverlässige Partner: Der indische Markt ist volatil, und Chinas Zusammenarbeit basiert mehr auf der Ausnutzung von Moskaus Schwäche als auf Vertrauensaufbau.
Aserbaidschan als Rivale
Vor dem Krieg in der Ukraine lieferte Russland rund 30–40 % des europäischen Erdgases und etwa 25–30 % des Öls. Nach den Sanktionen kämpft es nun darum, wieder Fuß zu fassen. Unterdessen setzt Europa seine REPowerEU-Strategie um, um die Abhängigkeit von russischer Energie zu verringern, die Lieferanten zu diversifizieren und erneuerbare Energien zu beschleunigen.
Aserbaidschan ist zu einer entscheidenden Alternative geworden. Ein 2022 unterzeichnetes Memorandum of Strategic Partnership mit der EU setzte das Ziel, die Gaslieferungen nach Europa bis 2027 auf jährlich 20 Milliarden Kubikmeter zu verdoppeln, gegenüber nur 8,1 Mrd. im Jahr 2021. Baku hat auch die seit langem verzögerte Transkaspische Pipeline mit Turkmenistan vorangetrieben, während neue „grüne Korridor“-Abkommen mit Kasachstan und Usbekistan darauf abzielen, die Solar- und Windenergie Zentralasiens über Aserbaidschan nach Europa zu liefern.
Aus Moskauer Sicht positioniert sich Aserbaidschan damit nicht als Partner, sondern als direkter Konkurrent. Und Russland spielt selten nach den Regeln des Marktes.
Die Affäre Ahmadzade
Vor diesem Hintergrund erfolgte die Verhaftung von Adnan Ahmadzade, dem ehemaligen stellvertretenden Leiter der Investitionsabteilung von SOCAR. Offiziell wird er der Veruntreuung und des wirtschaftlichen Sabotageakts beschuldigt, darunter die Senkung der Qualität der aserbaidschanischen Rohölexporte.
Ermittler behaupten, er habe nicht nur Gelder veruntreut, sondern auch die Umgehung von Sanktionen ermöglicht. Russisches Rohöl, das westlichen Beschränkungen unterliegt, sei mit Aserbaidschans Premiumprodukt Azeri Light vermischt und im Ausland als aserbaidschanisch verkauft worden. Das Ergebnis: Russisches Öl gelangte als Azeri Light getarnt auf die Weltmärkte.
Die Auswirkungen waren sofort spürbar. Die Verwässerung drückte den Referenzpreis für Azeri Light von 75 auf 68,31 US-Dollar pro Barrel – ein Verlust von 6,69 US-Dollar pro Barrel. Aserbaidschans Exporterlöse fielen um geschätzte 2,01 Milliarden US-Dollar, fast 1 % des BIP.
Doch die Verluste waren nicht nur finanzieller Natur. Ahmadzades Handlungen erschütterten die Glaubwürdigkeit Aserbaidschans als zuverlässiger Lieferant und beschädigten seine wichtigste Exportmarke. Europäische Beamte haben bereits Bedenken geäußert.
Aus diesem Grund wird seine „Zugeständnis an Russlands Machenschaften“ nicht nur als Betrug, sondern auch als gezielter Sabotageakt gegen das nationale Interesse angesehen.
Russische Botschaften
Der umstrittene russische Blogger und Kreml-Propagandist Yuri Podolyaka goss am 20. August Öl ins Feuer. In einem Social-Media-Beitrag hob er Aserbaidschans Exportprobleme hervor und schätzte den finanziellen Schaden auf 420 bis 770 Millionen US-Dollar. Er gliederte die angeblichen Verluste wie folgt auf:
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350 Millionen US-Dollar aus fünf Sendungen, die europäische Partner nicht verarbeiten wollten,
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70 Millionen US-Dollar durch Verzögerungen im Zusammenhang mit einem „kontaminierten“ Öltanker,
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420 Millionen US-Dollar durch sechs Frachten, die im Terminal Ceyhan zurückgehalten wurden,
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und zusätzliche 30 Millionen US-Dollar pro Tag durch den reduzierten Preisaufschlag von SOCAR bei Exporten.
Podolyaka wechselte dann von Zahlen zur Politik. Er deutete an, dass der Skandal eine direkte Folge der Ausrichtung Aserbaidschans an einer „britisch-türkischen Allianz“ sei und es gegen russische Interessen agiere. Seine Warnung war klar: „Ein solcher Vorfall kann jederzeit wiederholt werden.“ Mit anderen Worten: Die Sabotage aserbaidschanischer Ölexporte könnte systematisch werden, wenn Baku seine Allianzen nicht überdenkt.
Ein breiteres Muster
Diese Rhetorik passt in ein seit langem etabliertes russisches Muster: Energie als politisches Druckmittel zu verwenden. Von den Gasausfällen in die Ukraine in den Jahren 2006 und 2009 bis hin zu den heutigen Schatten-Taktiken hat Moskau Versorgungskrisen konsequent für geopolitische Gewinne genutzt. Europa, durch Erfahrung klüger geworden, ist nun entschlossen, sich von Russland zu lösen – mit Aserbaidschan als einem seiner bevorzugten Partner.
Moskau sieht jedoch Bakus zunehmende Rolle als Bedrohung. Der Fall Ahmadzade mit seiner Mischung aus wirtschaftlicher Sabotage und Propaganda trägt alle Merkmale des hybriden Vorgehens Russlands: infiltrieren, stören, dann die Krise zu Moskaus Bedingungen erzählen.
Ob Ahmadzade allein oder als Teil eines größeren Netzwerks handelte, bleibt unklar. Angesichts der Komplexität der weltweiten Ölverkäufe und des Ausmaßes der Verluste glauben nur wenige, dass es die Tat eines Einzelnen war. Vorerst führen alle Spuren nach Moskau zurück.
Bizim.Media Analysegruppe
