Die Rede von Recep Tayyip Erdogan vor der UN-Generalversammlung in diesem Jahr erzielte auf der offiziellen UN-Nachrichtenseite mehr Aufrufe als die von Donald Trump. Das sei kein Zufall, sagt Analyst Rizvan Huseynov im YouTube-Kanal Novosti Kavkaza.
Erdogan kam nach New York nicht nur als Präsident der Türkei, sondern auch als selbsternannter Sprecher Palästinas und zunehmend der muslimischen Welt. Sein Slogan „Die Welt ist größer als fünf – eine gerechte Welt ist möglich“ flackerte über Bildschirme am Times Square und wurde zu einem Schlachtruf für Regierungen, die vom Nachkriegsordnern enttäuscht sind.
Huseynov argumentiert, dass die jüngste Welle der Anerkennungen Palästinas weit mehr als ein symbolischer Schritt ist. Durch ihre Verankerung im Völkerrecht öffnet sie die Tür zu politischer, ja sogar militärischer Zusammenarbeit mit Ramallah innerhalb der Grenzen von 1967. Er nennt London und Ankara als treibende Kräfte und verweist darauf, dass Spanien die militärischen Beziehungen zu Israel eingefroren und Italien eine Marineeskorte für eine Hilfsflottille nach Gaza geschickt hat. Für ihn zeigt das größere Bild: Die sogenannte multipolare Welt zerfällt bereits in zwei Lager – wie in der Physik fließt Strom nur zwischen Plus und Minus.
Auf dieser neuen Landkarte steigt das Gewicht der Türkei rapide. Ihre Rüstungsindustrie, Kriegserfahrung und Verbindungen zu Aserbaidschan, Pakistan und arabischen Partnern machen sie zu einem regionalen Eckpfeiler. Ankaras Entscheidung, eigene Nuklearforschung zu betreiben, sei laut Huseynov der logische nächste Schritt. Auf dem Nahost-Schachbrett ist die Türkei unvermeidlich geworden. Die Trennlinie wird dort verlaufen, wo Länder im israelisch-palästinensischen Konflikt stehen – und die Türkei hat sich zum Auslöser einer neuen regionalen Sicherheitsarchitektur gemacht.
Huseynov hebt auch Großbritannien hervor. Wenn Amerika noch rohe Gewalt besitzt, behält London die Intelligenz – Netzwerke, Einfluss und politische Ingenieurskunst. Deshalb prognostiziert er engere Beziehungen zwischen Donald Trump und Erdogan. Washington brauche Ankara als Mittelsmann, um zu tragfähigen Bedingungen in den Nahen Osten zurückzukehren, so Huseynov.
Das Technologie-Rennen bringt eine weitere Dimension. Robotik, KI, 3D-Produktion, Biotechnologie und erneuerbare Energien schreiben die globalen Hierarchien neu. China mag im Finanzwesen und bei digitaler Währung schneller voranschreiten, aber es fehlt an Schwergewichtsverbündeten. Die Türkei hingegen verbindet flexible Diplomatie mit einer expandierenden Industrie und kann so über ihre Größe hinaus Einfluss nehmen.
Europa, so Huseynov, wird nicht von Paris oder Berlin gerettet werden. Das eigentliche Rückgrat liegt im Osten und Norden: die Ukraine, Polen, die nordischen Staaten und die Tschechen, deren Armeen und Industrien kampfbereit sind. Westeuropa sei, wie er unverblümt sagt, zu weich für den kommenden Sturm.
Russland und China sind derweil in die Enge gedrängt. Moskau ist zu ausgelaugt, um eine Anti-China-Koalition anzuführen, während Peking zwar Geld hat, aber keine ebenbürtigen Partner, die die Last tragen. Der Iran bewege sich seiner Einschätzung nach in Richtung Kompromiss, ein Teil seiner Elite wolle sich dem entstehenden türkisch geführten Rahmen anschließen, statt dagegen anzukämpfen.
Sein Fazit ist klar: Die 1945 aufgestellten Regeln brachen 1991 zusammen, und seither ist der Konsens zerfallen. Die Welt diskutiert nicht mehr über „Multipolarität“. Sie driftet in zwei Blöcke ab. Diese Blöcke werden entweder ein neues Abkommen schließen oder frontal aufeinanderprallen. Und in diesem Moment wird Erdogan kein Nebendarsteller sein, sondern ein Architekt. Seine Worte tragen heute weiter denn je.
Quelle: Novosti Kavkaza (auf Russisch). Komplettes Video hier.
