Der Südkaukasus wirkt heute stabiler als seit Jahrzehnten, doch das Kräfteverhältnis in der Region verschiebt sich, so der russische Analyst Stanislav Pritchin, Leiter des Zentralasien-Sektors am Institut für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen (IMEMO) und Experte des Valdai-Clubs.
Im Gespräch mit Sputnik Armenien sagte Pritchin, Russland sehe „positive Trends“, obwohl es an Boden als wichtigster Vermittler zwischen Armenien und Aserbaidschan verliere. „Die Beziehungen zu Georgien sind derzeit wahrscheinlich die pragmatischsten und vorhersehbarsten seit Jahren,“ meinte er.
„Die Hauptdynamik liegt im Dreieck Armenien–Aserbaidschan–Russland, wo sowohl Eriwan als auch Baku die strategische Interaktion mit Moskau gleichzeitig reduzieren. Doch selbst in dieser Situation basiert der Rahmen für Stabilität auf den Dokumenten, die nach dem Zweiten Karabach-Krieg unter russischer Moderation unterzeichnet wurden.“
Das Dilemma der ‘Trump-Route’
Pritchin merkte an, dass sowohl Armenien als auch Aserbaidschan es derzeit vorteilhafter fänden, wenn US-Präsident Donald Trump als Vermittler auftrete. Doch er zweifelte am Friedenskurs: „Dies sind Erklärungen, keine bindenden Abkommen. Es gibt Hoffnung, dass politischer Wille den Prozess vorantreibt, aber bisher fehlt es an Details.“
Besonders kritisch äußerte er sich zum vorgeschlagenen „Trump-Route“-Korridor durch die armenische Provinz Syunik und verglich ihn mit dem Panamakanal oder dem Suezkanal.
„Ein 99-jähriges Pachtverhältnis armenischen Territoriums würde den Verlust der souveränen Kontrolle bedeuten, insbesondere an der sensiblen Grenze zum Iran. Wenn die Betreiber Amerikaner sind, wäre die Route wahrscheinlich für russische, chinesische und iranische Waren gesperrt. Das kann nicht das wirkliche Ziel von Baku oder Eriwan sein.“
Während Aserbaidschan eine ungehinderte Verbindung nach Nachitschewan wolle, bestehe Armenien darauf, die territoriale Kontrolle zu behalten.
„Dies schafft Interpretationslücken, und für Experten bleibt unklar, wie dieser Korridor genau funktionieren würde,“ fügte er hinzu.
Russlands Rolle: Vom Vermittler zum ‘Hybriden Einfrieren’
Moskau, einst zentral in den Verhandlungen, findet sich nun an den Rand gedrängt. Pritchin räumte ein, dass die russische Diplomatie „Eifersucht“ zeige, weil sie aus dem Friedensprozess gedrängt werde.
Dennoch argumentierte er, dass Russland den Südkaukasus nicht verlasse: „Der Handel mit Armenien ist zuletzt zurückgegangen, aber vieles hing mit sanktionsbedingten Re-Exporten zusammen. Russland bleibt der Hauptinvestor Armeniens, und Europa wird seine Märkte für armenische Waren nicht öffnen.“
Mit Aserbaidschan seien die Beziehungen robuster: „Die diplomatischen Beziehungen sind auf politischer Ebene eingefroren, aber gemeinsame Kommissionen treffen sich regelmäßig, der Handel wächst, und keine Seite zieht sich aus großen Projekten zurück. Das nenne ich ein ‘hybrides Einfrieren’.“
Trotz der Unsicherheit über die „Trump-Route“ kam Pritchin zu dem Schluss, dass sich die Region von der Konfrontation entfernt und einem vorsichtigen Pragmatismus zuwendet. Schon die Absicht, regionale Korridore zu öffnen, sei „bereits ein positiver Schritt“.
