In einer neuen Folge von Echo Baku auf YouTube analysierte ein unabhängiger Experte die Beziehungen zwischen Aserbaidschan und Russland, den ungelösten Flugzeugvorfall und den Friedensprozess mit Armenien. Er argumentierte, dass Baku und Moskau in eine Phase der „Neutralisierung, nicht Normalisierung“ eingetreten seien.

Von Spannung zu Neutralität
Isazade betonte, dass der Gratulationsanruf von Präsident Ilham Aliyev an Wladimir Putin zu dessen Geburtstag nicht als Zeichen der Versöhnung interpretiert werden sollte.
„Es ist keine Erwärmung, es ist Neutralisierung. Die Beziehungen gehen von sehr kalt zu neutral, aber noch nicht zu warm“, sagte er.
Frühere protokollarische Gesten – wie Putins Gruß an Vizepräsidentin Mehriban Aliyeva und kurze Begegnungen bei internationalen Veranstaltungen – dienten lediglich der „Spannungsentschärfung“ und nicht dem Neustart der Beziehungen.
Laut dem Analysten könnte ein mögliches Treffen in Duschanbe am Rande des kommenden GUS-Gipfels ein symbolischer Schritt sein, aber „von einer Entspannung zu sprechen, ist verfrüht“.
Unbeantwortete Fragen und keine Entschuldigung erwartet
Der Experte betonte, dass Aserbaidschan von Moskau noch immer keine klaren Antworten zu mehreren Schlüsselfragen erhalten habe – dem Abschuss des aserbaidschanischen Flugzeugs, den in Schuscha gefundenen Iskander-Raketenfragmenten und der Rolle der russischen Friedenstruppen bei früheren Operationen.
Isazade machte deutlich, dass von Wladimir Putin keine öffentliche Entschuldigung zu erwarten sei:
„Während all seiner Regierungsjahre erinnere ich mich an keinen einzigen Fall, in dem Putin sich für etwas entschuldigt hätte“, sagte er.
Stattdessen interessiere sich Baku mehr für praktische Ergebnisse – Bestrafung der Verantwortlichen und Zahlung von Entschädigungen – als für symbolische Gesten. Er stellte klar, dass Berichte über bereits gezahlte Entschädigungen irreführend seien, da „es sich um Versicherungszahlungen handelte, nicht um Zahlungen des russischen Staates“.
Wirtschaft läuft leise weiter
Trotz politischer Spannungen sei die wirtschaftliche Zusammenarbeit nie unterbrochen worden, so Isazade, der auf laufende Regierungstreffen und Energietransitgespräche mit Russland, Iran und Aserbaidschan verwies. Er betonte jedoch, dass Baku Maßnahmen vermeiden werde, die als Sanktionsumgehung ausgelegt werden könnten, da das Land seine Energiekooperation mit der Europäischen Union ausbauen wolle.
Öffentliche Stimmung und langes Gedächtnis
Isazade argumentierte, dass die Haltung der aserbaidschanischen Öffentlichkeit gegenüber Russland vorsichtig bleibe und von historischen Traumata geprägt sei – vom 20. Januar 1990 über Chodschali bis zum ersten Karabach-Krieg. Er wies darauf hin, dass die jüngere, im Westen ausgebildete Militärelite und die wachsende Zusammenarbeit mit der Türkei und der EU eine Rückkehr zu früher „warmen“ Beziehungen unwahrscheinlich machten.
„Mit einem großen und gefährlichen Nachbarn sollte man sich besser nicht streiten – aber Freundschaft wie früher ist auch unwahrscheinlich“, sagte er.
Zum Friedensprozess mit Armenien
Zur Diskussion um Eriwans Einwände gegen den Begriff „Sangesur-Korridor“ sagte Isazade, der Ausdruck sei überpolitisiert worden:
„Ein Korridor ist nur eine Route. Ihn so zu nennen, bedeutet keine extraterritorialen Ansprüche.“
Er stellte fest, dass gegenseitiges Misstrauen das Hauptproblem bleibe – jede Seite fürchte, dass die andere nur ihre bevorzugte Route öffne. Das realistischste Ergebnis sei, so Isazade, die gleichzeitige Öffnung der Naxçıvan-Route und der Verbindung Ijevan–Gazach.
Während Armenien Entscheidungen aus innenpolitischen und verfassungsrechtlichen Gründen verzögert, werde die technische Fertigstellung der Transportverbindungen ohnehin Jahre dauern.
„Ein Friedensvertrag ist Papier, das von zwei Führern unterzeichnet wird; echter Frieden muss im Bewusstsein der Öffentlichkeit reifen“, schloss Isazade.
