Während Künstliche Intelligenz (KI) in vielen Ländern bereits Teil der Schulcurricula ist und sich von Tokio bis Tallinn als eigenständiges Fach etabliert hat, verläuft die Integration der KI in das Bildungssystem Aserbaidschans weiterhin langsam und uneinheitlich.
Warum ist das so — und was wird unternommen, um dies zu ändern?
Lücken bei Infrastruktur und Personal bremsen die Integration
Laut dem Bildungsexperten Goshgar Maharramov fehlt es den Schulen des Landes noch immer an der nötigen Infrastruktur und an geschultem Personal.
„Nicht jedes Klassenzimmer in Aserbaidschan ist mit Computern oder stabilem Internetzugang ausgestattet. Viele Lehrkräfte verfügen nur über eine begrenzte digitale Kompetenz — einige sind nicht einmal mit den grundlegenden Konzepten der KI vertraut. Unter solchen Bedingungen ist es schlicht unmöglich, KI als Unterrichtsfach zu lehren“, sagte er.
Ein weiterer Bildungsspezialist, Mezahir Mammadli, hält eine umfassende KI-Integration an öffentlichen Schulen in naher Zukunft für unwahrscheinlich.
„Wir müssen zunächst qualifizierte Lehrkräfte ausbilden, eine solide technische Basis schaffen und den nationalen Lehrplan anpassen. Ohne dies riskiert Aserbaidschan, hinter europäischen Ländern zurückzufallen, in denen KI bereits Teil der Bildung ist — was die künftige Wettbewerbsfähigkeit unserer Arbeitskräfte schwächen könnte“, sagte er gegenüber Media.Az.
Dennoch merkt Mammadli an, dass sich die KI-Forschung entwickelt: Mehrere Einrichtungen der Nationalen Akademie der Wissenschaften arbeiten an experimentellen Projekten — darunter Prototypen von KI-Systemen, die Fragen von Schülerinnen und Schülern in Echtzeit beantworten können. Allerdings werde es „Zeit und Disziplin“ brauchen, um solche Technologien landesweit zu skalieren.
Risiko, Schülerinnen und Schüler zu passiven Nutzern zu machen
Könnte ein früher Kontakt mit KI dazu führen, dass Schülerinnen und Schüler zu abhängig von Technologie werden?
Maharramov weist diese Sorge zurück:
„KI löst nicht das dopamingesteuerte Verhalten aus, das Gaming hervorruft. Sie verursacht keine Sucht und keine Belohnungsschleifen — sie ist ein Lernwerkzeug, kein Spielzeug.“
Ein anderer Experte, Ramin Nuraliev, meint jedoch, dass ohne einen starken Fokus auf kritisches Denken der KI-Unterricht das Risiko berge, eher passive Nutzer als kreative Denker hervorzubringen. Er weist darauf hin, dass internationale Modelle — in denen Menschen ohne traditionelle Diplome in die IT-Branche einsteigen können — auf Aserbaidschan übertragen werden könnten, um kompetenzbasierte Bildung zu fördern.
„KI in der Schule zu lernen macht Schülerinnen und Schüler nicht abhängig — es hilft ihnen zu verstehen, wie Technologie funktioniert“, sagte er.
Experten sind sich einig, dass KI-Unterricht Hand in Hand mit Kursen in Logik, Mathematik und Problemlösen gehen sollte — Bereiche, die in internationalen Testsystemen wie PISA bereits Priorität haben.
Position des Ministeriums: KI bereits in Informatik verankert
Nach Angaben des aserbaidschanischen Ministeriums für Wissenschaft und Bildung werden KI-bezogene Themen bereits teilweise im Informatik-Lehrplan abgedeckt.
Die Schülerinnen und Schüler lernen die Grundlagen der Informationskultur, der Cybersicherheit und des Datenschutzes — einschließlich einer Einführung in KI und ihre Anwendungen.
„Angesichts dieses Rahmens besteht derzeit keine Notwendigkeit, KI als separates Fach einzuführen“, teilte das Ministerium Media.Az mit.
Die sozioökonomische Entwicklungsstrategie der Regierung 2022–2026 betont die frühe digitale Alphabetisierung, die Ausweitung der IKT im Bildungsbereich und einen breiteren Zugang zum Online-Lernen.
Bisher wurden 90 % der öffentlichen Schulen — etwa 3.798 Einrichtungen — über Glasfaser-, GPON-, ADSL- oder drahtlose Netze ans Internet angeschlossen. Eine vollständige landesweite Abdeckung wird in den nächsten Jahren erwartet.
KI-Unterricht hält über das Projekt „Digitale Kompetenzen“ Einzug in die Klassen
Die Initiative „Digitale Kompetenzen“, die in Zusammenarbeit mit dem internationalen Bildungsunternehmen Algorithmika gestartet wurde, modernisiert seit 2017 den Informatikunterricht.
Im Schuljahr 2024–2025 wurden KI-basierte Lektionen in das Programm aufgenommen, und ab 2025–2026 werden die Schülerinnen und Schüler beginnen, praktisch mit neuronalen Netzen zu arbeiten, um schulische und reale Probleme zu lösen.
Nach dem aktualisierten Informatik-Lehrplan lernen die Schülerinnen und Schüler den Einsatz von KI schrittweise nach Klassenstufen:
Klasse 5: Visuelle KI-Tools für Illustrationen und Präsentationen
Klasse 6: KI-gestützte Rechtschreib- und Grammatikprüfung
Klasse 7: Einführung in das Schreiben von Prompts für ChatGPT und ähnliche Systeme
Klasse 8: Erstellung multimedialer Inhalte mit KI
Klasse 9: Website-Generierung und Code-Automatisierung mit HTML/CSS
Klasse 10: Neuronale Netze und Medienerzeugung
Klasse 11: Fortgeschrittene KI-Projekte und angewandtes Problemlösen
An Schulen mit fortgeschrittenen Informatikprogrammen lernen die Schülerinnen und Schüler zudem die Python-Bibliothek Pandas und bereiten sich damit auf Datenanalyse und maschinelles Lernen vor.
Lehrkräfte auf das KI-Zeitalter vorbereiten
Zur Unterstützung der Pädagoginnen und Pädagogen haben Algorithmika und die Staatliche Pädagogische Universität Aserbaidschans (ASPU) einen Spezialkurs „Künstliche Intelligenz in der Arbeit der Lehrkraft“ eingeführt.
Das Programm bildet angehende Lehrkräfte darin aus, neuronale Netze zur Unterrichtsplanung, zur Erstellung von Bewertungsrastern und zur individuellen Lernunterstützung der Schülerinnen und Schüler zu nutzen.
Unterdessen hilft die nationale Plattform „Digitale Schule“, die derzeit in Baku aktiv ist, den Schulen, Verwaltungs- und Lernprozesse zu digitalisieren und so Transparenz und Effizienz zu erhöhen.
Der weitere Weg
Experten sind sich einig, dass Aserbaidschans Weg zur Integration von KI in die Bildung schrittweise, aber unvermeidlich sein wird. Die Grundlagen — Infrastruktur, Ausbildung und Pilotprogramme — werden gelegt. Was noch fehlt, ist die systemische Umsetzung, damit KI nicht ein Luxusfach für Eliteschulen bleibt, sondern zu einer Kernkompetenz der nächsten Generation wird.
