Aserbaidschan hat offiziell mit dem Export von Erdgas in die Ukraine begonnen – ein historischer Schritt in den bilateralen Beziehungen und ein neues Kapitel in der regionalen Energielandschaft.
Die Mitteilung stammt vom ukrainischen Gasnetzbetreiber GTSOU, der bestätigte, dass die Lieferungen über den Reverse-Flow der Transbalkan-Pipeline erfolgen — durch Bulgarien, Rumänien und Moldawien in die Ukraine. Die Vereinbarung basiert auf einem Vertrag zwischen Naftogaz Ukraine und SOCAR Energy Ukraine (Quelle: Kaspiy-Zeitung).
Naftogaz-CEO Oleksiy Chernyshov nannte das Abkommen „eine neue Seite in der Energiegeschichte der Ukraine“. Es ermögliche dem Land, Gas von einem freundlichen und zuverlässigen Partner zu beziehen – ganz ohne russische Infrastruktur. SOCAR erklärte sich ebenfalls bereit für eine „langfristige, beiderseits vorteilhafte Zusammenarbeit auf Basis marktwirtschaftlicher Prinzipien und strategischen Verständnisses“.
Vom „Geister-Pipeline“ zur Lebensader
Die Transbalkan-Route war seit Russlands Stop der großen Gasströme durch die Ukraine 2020 größtenteils ungenutzt. Dank der EU-Diversifizierungsbemühungen und des Südlichen Gaskorridors (SGC) mit den Pipelines TANAP und TAP wurde sie nun wiederbelebt.
Ein Wendepunkt kam 2023, als Bulgarien Zugang zur türkischen Gasinfrastruktur erhielt und so Kaspisches Gas auf die Balkanhalbinsel gelangen konnte. Modernisierte Verdichterstationen ermöglichen seither einen Gasfluss nach Norden in die Ukraine. Die ukrainischen Behörden bestätigten, dass das nach Bulgarien gelieferte Gas inzwischen über Rumänien und Moldawien bis zur ukrainischen Grenze gelangt.
Symbolischer und strategischer Durchbruch
Auch wenn die anfänglichen Mengen bescheiden sind (2–3 Millionen Kubikmeter pro Tag), bezeichnete GTSOU-Chef Pavlo Stanchak den Erfolg als „großen symbolischen und strategischen Durchbruch“. Zum ersten Mal importiert die Ukraine Gas aus dem Südkaukasus, ohne russische Transit-Infrastruktur zu nutzen.
Vizepremierminister Oleksandr Kubrakov sagte: „Dieser Schritt stärkt nicht nur unsere Energieunabhängigkeit, sondern auch unsere Beziehungen zu Partnern, die europäische Werte teilen.“
Erweiterungspläne und Hindernisse
Ukraine und Aserbaidschan prüfen, ob die Liefermengen auf 5–7 Milliarden Kubikmeter pro Jahr erhöht werden können. Die Transbalkan-Infrastruktur benötigt jedoch weitere Modernisierung, manche Verdichterstationen sind veraltet, Transitgebühren in einzelnen Ländern hoch und die Kapazität könnte im Winter sinken.
Fachleute weisen zudem darauf hin, dass aserbaidschanisches Gas, das über Griechenland, Bulgarien und Rumänien transportiert wird, aktuell teurer ist als LNG über europäische Terminals. Mit langfristigen Verträgen und Infrastrukturausbau könnte Pipelinegas jedoch wettbewerbsfähiger werden.
Geopolitische Dimension
Nach dem Ausfall russischer Gaslieferungen braucht die Ukraine dringend politisch neutrale und sichere Energiequellen. Anders als EU-Staaten ist Kiew nicht an strikte Dekarbonisierungsauflagen gebunden und kann flexibler planen – auch bei Verträgen mit Partnern wie Aserbaidschan.
Für Baku öffnet sich mit der Ukraine ein neuer Exportmarkt jenseits des zunehmend regulierten und politisierten EU-Energiemarktes. Das hilft SOCAR, seine Kundenbasis zu diversifizieren, die Präsenz in Osteuropa auszubauen und die regionale Energiearchitektur mitzugestalten.
Kaspisch-Europäische Energiebrücke
Aserbaidschan verfügt bereits über ausbaufähige Infrastruktur: TANAP könnte seine Kapazität von 16 auf 31 Mrd. m³/Jahr, TAP von 10 auf 20 Mrd. m³ steigern – das wäre die Basis für eine zweite Investitionswelle im Südlichen Gaskorridor. Dafür braucht es jedoch stabile Verträge und verlässliche Nachfrage, was die Ukraine bieten kann.
Die aserbaidschanischen Gasexporte in die Ukraine sind daher keine kurzfristige Notlösung, sondern könnten den Beginn einer strategischen Energieallianz markieren. Für Aserbaidschan ein vielversprechender neuer Markt, für die Ukraine ein entscheidender Schritt zu stabiler, unabhängiger Energieversorgung in geopolitisch unsicheren Zeiten.
Die wachsende Energiepartnerschaft zwischen Kiew und Baku verändert die Dynamik in Eurasien, stärkt den türkischen Einfluss in der regionalen Energiepolitik und zeichnet die Landkarte der Pipeline-Geopolitik neu.
