Als der armenische Premierminister Nikol Paschinjan diese Woche erklärte, dass die Grenzformalitäten nicht nur mit Aserbaidschan, sondern an allen Übergängen des Landes vereinfacht würden, war das mehr als eine technische Ankündigung. Es war ein politisches Signal: Armenien versucht, sich von einem Festungsstaat zu einem Transitstaat umzuwandeln.
Der Hintergrund ist entscheidend. Am 8. August unterzeichneten Armenien und Aserbaidschan in Washington Dokumente, die das Kapitel Krieg faktisch schlossen. Für Paschinjan geht es bei diesem Abkommen nicht nur um Frieden — sondern ums Überleben. “Wir sind in eine neue Entwicklungsagenda, eine neue Dimension des Wachstums eingetreten”, sagte er zu seinen Ministern und forderte sie auf, sich auf “konstruktive, friedliche, kreative Arbeit” zu konzentrieren. Mit anderen Worten: Eriwan muss nun Ergebnisse liefern, die die Armenier nicht in Parolen, sondern in Handelsströmen, Investitionen und Arbeitsplätzen messen können.
Der Wandel ist tiefgreifend. Drei Jahrzehnte lang drehte sich die armenische Politik um Blockaden, Isolation und Militarisierung. Jetzt verspricht die Regierung offen, Importe, Exporte und Transit zu erleichtern — genau jene wirtschaftliche Integration, die das nationalistische Establishment lange abgelehnt hat.
Und hier liegt die Spannung. Paschinjan gratulierte seinem Kabinett zum Erreichen des Friedens, weiß aber auch, dass mächtige Stimmen — in der Kirche, in der Diaspora und unter den nationalistischen Eliten — jede Normalisierung mit Baku als Verrat ansehen. Für sie sind Armeniens Grenzen Symbole des Verlusts, nicht Tore zur Chance.
Doch die Geopolitik lässt kaum Raum für Illusionen. Das Washingtoner Abkommen zwang Eriwan, zwischen endloser Verbitterung und einem fragilen, aber potenziell transformierenden Frieden zu wählen. Mit der Ankündigung von Reformen an allen Grenzübergängen setzt Paschinjan darauf, dass die Armenier es leid sind, von der Welt abgeschnitten zu sein.
Sollten diese Reformen greifen, könnte Armenien etwas entdecken, was seine nationalistische Mythologie nie zuließ: dass offene, nicht geschlossene Grenzen die wahre Grundlage der Souveränität sind.
