Der politische Analyst Ahmed Alili sagt, dass Baku, Eriwan und Tiflis auf einer pragmatischen regionalen Agenda zusammenkommen, während Moskaus Einfluss auf Aserbaidschan abgenommen hat.
In einem Interview mit dem YouTube-Kanal Echo Baku erklärte Ahmed Alili – Politikanalyst und Autor des Telegram-Kanals View from the Central Park – dass sich im Südkaukasus eine „gemeinsame politische Identität“ herausbilde. „Wir sehen, dass die drei Hauptstädte immer öfter im Gleichklang handeln – nicht, weil jemand das orchestriert, sondern weil sie verstanden haben, dass Zusammenarbeit in der heutigen Turbulenz Früchte trägt“, sagte er.
Alili verwies auf die jüngste gemeinsame Absage Aserbaidschans, Armeniens und Georgiens an Russlands Musikwettbewerb „Intervision“ als symbolisches Beispiel für diesen Trend. Das alte regionale Muster – „Georgien als das westlichste, Armenien tief in russische Projekte eingebettet und Aserbaidschan im Ausgleich“ – weiche, so fügte er hinzu, einem härteren, regionsersten Ansatz.
Pashinyans Moskau-Reise: Erwartungen und Grenzen
Der bevorstehende Besuch von Premierminister Nikol Pashinyan in Moskau werde „ein schwieriges Gespräch“, sagte Alili und prognostizierte einen starken Fokus des Kremls auf die „historische“ Dimension der russisch-armenischen Beziehungen. Eriwans Aufgabe sei es seiner Meinung nach, das neue Gleichgewicht nach der verstärkten Einbindung durch Washington und Brüssel zu erklären und die russischen und iranischen Sorgen zu besänftigen, ohne den aktuellen Kurs zu entgleisen.
Zangezur/Meghri/TRIPP: „Name zweitrangig – Passage entscheidend“
Zur grenzüberschreitenden Konnektivität – ob Zangezur, Meghri oder das US-gestützte TRIPP-Konzept genannt – äußerte sich Alili klar: „Der Titel spielt keine Rolle; die Funktionalität zählt.“
Er argumentierte, dass die Ankündigungen vom 8. August in Washington der Korridorthematik eigene Dynamik verliehen und vor allem Karabach als Druckmittel gegen Baku entfernt hätten. Weitere Schritte würden von einer Baku–Ankara–Washington-Achse mit EU-Unterstützung vorangetrieben, sagte er.
Warum Moskaus Instrumente in Baku weniger wirken
Laut Alili hat Russlands Fähigkeit, Druck auf Aserbaidschan auszuüben, abgenommen. Bakus robustes russischsprachiges Medienökosystem und die Haltung der aserbaidschanischen Diaspora in Russland „dämpfen Informationskampagnen“, während Gesten wie der Entzug der Staatsbürgerschaft einzelner Gemeindeführer „das strategische Bild nicht verändern“.
Im Gegensatz dazu seien armenische Medien und Influencer stärker in russische Plattformen eingebunden, was Moskau mehr Raum gebe, die öffentliche Meinung in Armenien zu beeinflussen.
Diaspora-Narrative verlieren an Wirkung
Da Eriwan nun öffentlich die territoriale Integrität Aserbaidschans anerkennt und den Friedensvertragsentwurf näher an Bakus Version angleicht, seien langjährige Diaspora-Argumente in westlichen Hauptstädten „einfach weniger brauchbar“, sagte Alili. „Wenn das offizielle Eriwan ‘ja’ sagt, ist es schwer, von westlichen Diplomaten zu verlangen, ‘nein’ zu sagen.“
Risiken 2026 – und wer was will
Mit Blick auf die Parlamentswahlen 2026 in Armenien bezeichnete Alili eine abrupte Kehrtwende in Eriwan als Hauptrisiko für den Friedensprozess. Die aktuelle Lage beschrieb er so: Aserbaidschan, die Türkei, die USA und die EU unterstützen im Großen und Ganzen die aktuelle Konfiguration; Russland und Teile des iranischen Establishments nicht (obwohl das Team von Präsident Pezeshkian moderatere Signale aussendet).
Auf die Frage, ob Baku eine gewaltsame Option erwägen könnte, falls der Prozess scheitert, sagte Alili, dass sich die Logik geändert habe: Entscheidungen lägen nun bei einer Staatenkoalition und in direkten Baku–Ankara–Washington-Kanälen, nicht in einseitigen Schritten.
Der Südkaukasus bewegt sich auf eine „region-first“-Denkweise zu. Weniger symbolische Kämpfe, mehr Infrastruktur; weniger externe Vetos, mehr lokale Handlungsmacht.
Wenn dies Bestand hat, so Alili, rückt die Region näher an einen dauerhaften Frieden – und entfernt sich davon, ein Spielfeld für fremde Spiele zu sein.
