In den letzten Jahren sind in Aserbaidschan, besonders in der Hauptstadt Baku, elektrische Scooter und Fahrräder als Alternative zum klassischen Verkehr immer beliebter geworden. Der Boom der Mikromobilität hat positive Seiten, bringt aber auch neue Sicherheitsprobleme mit sich. Verkehrsverstöße, Fahren auf Gehwegen, fehlende Schutzausrüstung und überhöhte Geschwindigkeit erhöhen das Unfallrisiko. Die Lage ist so ernst, dass die Generaldirektion der Verkehrspolizei Scooter-Fahrer offiziell zur Einhaltung der Regeln ermahnt hat.
Bußgelder und Verantwortung
Der Verkehrsexperte Eldaniz Jafarov erläutert, dass Scooter im Gesetz derzeit als „kleine elektrische Fahrzeuge“ (KEF) eingestuft sind. Eigene Fahrstreifen sind nicht vorgesehen, sie dürfen jedoch Radwege benutzen.
„Die Hauptnutzergruppe der KEF sind junge Leute; leider sehen manche den Scooter als Spaßgerät und ignorieren Verkehrsregeln. Dabei haben diese Geräte den Status offizieller Fahrzeuge, Regelverstöße werden geahndet. Scooter-Fahrer zahlen 40 Manat; führt Rasen zu Schäden an Personen oder Fahrzeugen, sind es 150 Manat. Das zeigt: Verantwortung tragen nicht nur Autofahrer, sondern alle Verkehrsteilnehmer“, so der Experte.
Einfache, aber wichtige Regeln
Laut Jafarov halten viele Scooter-Fahrer nicht einmal Grundregeln ein.
„Diese Normen dienen ihrer eigenen Sicherheit und der Ordnung auf der Straße. Auf linken oder mittleren Fahrstreifen zu fahren, ist strikt verboten. Gibt es einen Radweg, sollte er genutzt werden. Front- und Rücklicht des Scooters müssen rund um die Uhr eingeschaltet sein. Außerdem ist die Mitnahme von Passagieren auf Scootern, Fahrrädern oder Mopeds verboten – diese Fahrzeuge sind nur für eine Person gedacht“, ergänzt er.
Registrierung und Schulung
Zur Einführung von Registrierung, Versicherung oder Lizenzierung meint der Experte, dass Nummernschilder Probleme schaffen könnten.
„Das könnte ähnliche Anforderungen für Fahrräder nach sich ziehen, was praktisch wenig sinnvoll ist. Effektiver und realistischer ist Aufklärung. Scooter-Fahrer müssen über Verkehrsregeln informiert werden. Vermietfirmen sollten Nutzer unterweisen und deren Zustimmung per App einholen – erst nach Lesen und Bestätigen der Regeln sollte die Nutzung freigeschaltet werden. Die Höchstgeschwindigkeit innerorts sollte auf 15 km/h begrenzt werden, um Unfälle und deren Schwere zu verringern“, betont Jafarov.
Infrastruktur- und Sicherheitsdefizite
Der Technikwissenschaftler und Dozent Farhad Eyubov ist der Ansicht, dass das Problem umfassend auf Ebene der Stadt- und Verkehrsplanung gelöst werden muss.
„In Baku versucht man, Verkehrsprobleme unter Berücksichtigung bestimmter Faktoren zu lösen. Aufgrund der historischen Stadtstruktur wurde der Verkehrsfluss jedoch von Anfang an nicht richtig organisiert. Mikromobilität ist zuletzt wichtiger geworden, doch zeigt sich der Ansatz vor allem im Zentrum und verändert das Gesamtsystem kaum“, erklärt er.
Eyubov betont die Notwendigkeit, Rad- und Scooterwege sorgfältig zu planen und die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer zu berücksichtigen.
„Derzeit sind Radfahrer und Scooter-Fahrer auf diesen Streifen nicht ausreichend geschützt. Den meisten fehlt passende Ausrüstung, was erhebliche Risiken für sie selbst und andere schafft. Die im Zentrum angelegten Spuren bieten zwar Komfort, bergen aber auch Risiken. Das Problem könnte sich vertiefen. Das Interesse ist noch relativ gering, dürfte aber bald wachsen, besonders in bestimmten Altersgruppen. Diese Menschen müssen die Verkehrsregeln kennen und strikt einhalten“, sagt er.
Chaos auf den Straßen
Nach Eyubov hat die intensive Nutzung von Scootern und Fahrrädern in den letzten Jahren eine chaotische Verkehrslage erzeugt.
„Der Verkehrsfluss in Baku folgt einer bestimmten Struktur. Anders als beim öffentlichen und privaten Verkehr werden Scooter und Fahrräder oft regelwidrig genutzt – das führt zu Unordnung und höherem Unfallrisiko. Viele KEF-Nutzer betrachten diese Mittel als Freizeit- und Spaßgerät, wodurch ihre Fahrten unkoordiniert und kaum reguliert sind“, so der Wissenschaftler.
Fehlender Rechtsrahmen
Eyubov weist darauf hin, dass optisch markierte Radspuren zwar ordentlich aussehen, ohne Sicherheit und effiziente Nutzung jedoch Risiken schaffen.
„In einigen Ländern sind Radwege vollständig ausgestattet: spezielle Markierungen, Ampeln, klarer Rechtsrahmen. In Aserbaidschan fehlen in diesem Bereich leider ausreichende Vorschriften und Infrastruktur“, resümiert er.
