Die Optik des Gipfels der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) – das viel geteilte Foto von Xi (China), Putin (Russland) und Modi (Indien) – ist weniger ein einmaliger Fototermin als ein Marker eines sich wandelnden Weltsystems, argumentiert der Politologe Alexander Iskandaryan, Direktor des Kaukasus-Instituts.
In einem ausführlichen Interview auf dem YouTube-Kanal Euromedia24 sagte er, die Weltordnung verfestige sich zu einem polyzentrischen Wettbewerb, in dem regionale Mächte – von der Türkei bis Indien und Brasilien – die Ergebnisse weit stärker prägen als in der Nach-Kalte-Krieg-Ära.
Zur institutionellen Schlagkraft der SOZ
Iskandaryan warnte davor, das institutionelle Gewicht der SOZ zu überschätzen. Anders als EU oder EAWU verfügt die SOZ über wenige bindende Regeln; sie ist ein Tisch der Interaktion unter Schwergewichten, die oft uneins sind (China – Indien – Pakistan) und dennoch Geschäfte machen. Für kleine und mittelgroße Staaten ist allein “im Raum zu sein” wichtig – besonders, um Wirtschaftsbeziehungen mit China zu knüpfen und den “Mittleren Korridor” über das Kaspische Meer zu nutzen.
Armeniens Positionierung: jenseits binärer „zivilisatorischer Entscheidungen“
Die Zeit, einen einzigen Patron zu wählen und “bei ihm zu bleiben”, ist vorbei, sagte er. Armenien sollte theatralische „zivilisatorische Entscheidungen“ (Russland vs. Westen) vermeiden und stattdessen systemisch mit allen Polen arbeiten – EU, USA, Russland, Iran, Türkei, Indien, China – Widersprüche nutzen, wo es hilft, und kooperieren, wo es möglich ist. Russland, Iran und die Türkei sind geografische Tatsachen; Politik muss diese Permanenz spiegeln.
US-Rolle und die Washingtoner Erklärung
Iskandaryan bezeichnete die Erklärung vom 8. August in Washington als Absichtserklärung, nicht als fertiges Friedens- oder Verkehrsabkommen. Er sieht einen breiteren Wandel der US-Erzählung: von Demokratie-Export überall hin zu Stabilitätsvermittlung dort, wo es US-Interessen dient – unabhängig vom Regimetyp. Wie sich das im Südkaukasus konkret niederschlägt, ist noch zu gestalten.
Der Korridor-Streit: Form vs. Souveränität
Baku will eine spezifische, effiziente Ost–West-Straßenverbindung; Eriwan beharrt darauf, die Kontrolle über das, was sein Territorium quert, zu behalten. Die Lösung wird eher technisch als theologischer Natur sein, so Iskandaryan – etwa “versiegelte” Verfahren oder durchgängige elektronische Kontrollen, die es beiden Seiten erlauben, ihren Kernpunkt zu reklamieren (kein armenischer Kontakt vs. armenische Aufsicht). Er verglich es mit dem Kaliningrad-Transit über Litauen: Er funktioniert, weil Verfahren politisch beruhigend konstruiert wurden.
Offen bleibt: Wer baut, wer zahlt, wer überwacht? Wäre eine Privatkonzession wirklich “nur ein Unternehmen nach armenischem Recht”, bräuchte es keine Unterschriften von Spitzenpolitikern; werden Grenzfunktionen ausgelagert, müssten Gesetze geändert werden. Dieser Prozess hat erst begonnen.
Türkei–Aserbaidschan: engere Ausrichtung
Seit 2020 orientiert sich Ankaras Südkaukasus-Politik eng an Baku, sagte er. Die Türkei mag die Öffnung der armenischen Grenze grundsätzlich befürworten, wartet in der Praxis aber auf grünes Licht aus Baku. Zugeständnisse an Symbolen (z. B. Entfernung des Ararat-Motivs) seien politisch fehlgeleitet – sie adressieren nicht die tatsächlichen Treiber türkischer oder aserbaidschanischer Positionen.
EU-Mission, russische Basen, iranische Sensibilitäten: eine dicht bestückte Karte
Armenien beherbergt bzw. wird heute von mehreren, rivalisierenden Sicherheitsakteuren beobachtet: EU-Beobachtungsmission, russische Truppen und Grenzschützer sowie wachsende iranische Vorbehalte gegen westliche Sicherheitspräsenz nahe seiner Grenze. In dieses Flickwerk noch einen externen Garanten einzuziehen, ist nicht trivial und verlangt sorgfältige Choreographie.
Friedensaussichten: Papier vs. Realität
Iskandaryan bezweifelt einen umfassenden Friedensvertrag innerhalb der nächsten 10 Monate. Selbst wenn Druck eine Unterschrift erzwingt, dürfte es eher ein Memorandum als ein Vollabkommen sein. Für Armenien seien “politische Sicherheitsformen” (Dokumente, Delimitation, Verfahren) nötig, während militärische Fähigkeiten wiederaufgebaut werden – Jahre, nicht Monate. Für Aserbaidschan, das sich nach Geländegewinnen stark fühlt, gibt es wenig Anreiz zur Eile.
Innenpolitik: „Frieden vs. Krieg“ als Wahlkampfraster
In Armenien wird die Regierungspartei voraussichtlich mit einer Peace-First-Erzählung antreten (“wir liefern Stabilität; die Gegner riskieren Krieg”). Diese Story lässt sich durch symbolische Etappen nähren – Händedrücke, Ortstermine, Entwurfs-Texte –, auch wenn die Dossiers im Kern ungelöst bleiben.
Die große Lehre
Der Südkaukasus wird nicht ordentlich in die Umlaufbahn einer einzigen Macht fallen, schloss Iskandaryan. Ergebnisse hängen davon ab, wie Russland aus dem Ukraine-Krieg hervorgeht, vom Kurs Irans, den Entscheidungen der Türkei sowie der weiteren Entwicklung von USA und EU. Für Armenien hängen Überleben und Fortschritt von “erwachsener Politik” ab: granularer, geduldiger, rechtlich und technisch kompetenter Staatskunst – weniger Slogan, mehr Ingenieurarbeit.
