Der Politikexperte Farhad Mammadov, ehemaliger Direktor des Zentrums für Strategische Studien beim Präsidenten Aserbaidschans, sagt, dass der Südkaukasus in eine entscheidende Phase eintritt, in der die regionalen Staaten – und nicht externe Mächte – den “entscheidenden Vorteil” behalten müssen.
Im YouTube-Kanal Daily Europe Online erklärte er, dass die US-gestützte “Trump Route for International Peace and Prosperity” (TRIPP) der Wiedereröffnung der Ost-West-Verbindungen Schwung verliehen habe, die Friedensarchitektur aber weiterhin hauptsächlich von Aserbaidschan und Armenien gestaltet werde.
Symbole, Signale und Narrative im Wandel
Mammadov nannte die Entfernung des Ararat-Berges aus den offiziellen Insignien Eriwans “symbolisch” – ein Schritt, das nationale Bild mit der heutigen Geografie Armeniens in Einklang zu bringen und Spannungen mit den Nachbarn zu reduzieren.
Nach dem 8. August: Frieden de facto, Prozess de jure
Seit dem Treffen im Weißen Haus und der gemeinsamen Erklärung der aserbaidschanischen und armenischen Führer sieht Mammadov einen Rahmen des faktischen Friedens, auch wenn der Prozess fortbesteht.
Washingtons Rolle sei gewachsen, weil Baku und Eriwan die USA bei der Transportfrage eingebunden hätten; andere Themen blieben bilateral und schritten voran – besonders die Grenzziehung.
Trump habe durch sein persönliches Engagement die harte Rhetorik Russlands und Irans abgeschwächt und die EU einbezogen, so Mammadov, unter Verweis auf EU-Besuche in Nachitschewan und Armenien.
Zangezur/TRIPP: Zeitpläne und Alternativen
Mammadov prognostiziert, dass die entscheidende Phase für eurasische Landkorridore 2028–2030 sei. Armenien erkenne nun, dass “der Zug abfährt”, und eile, die rechtliche Basis fertigzustellen.
Parallele Strecken – die Bahn Naxçıvan–Kars durch die Türkei und ein iranischer Abzweig – seien mit Blick auf diese Fristen geplant worden. Infrastruktur sei ein strategisches Gut: vorhandene Gleise und Rechtsrahmen schafften Optionen, wenn Märkte bereit seien – ähnlich wie der Korridor Baku–Tiflis–Kars nach Jahren der Unterauslastung.
Warum Aserbaidschan den Korridor nicht erzwang
Eine militärische Lösung hätte Aserbaidschans Strategie unterminiert: Integration in die EU-Märkte, langfristige SOCAR-Investitionen und das Image eines Staates, der Projekte ohne “eingefrorene” Konflikte abschließt – unvereinbar mit dem Bild eines Aggressors.
Energie, Europa und Medienwandel
Mit unwahrscheinlicher Wiederherstellung der EU–Russland-Energiebeziehungen bleibe Europa attraktiv. US-LNG reiche nicht aus, wodurch Aserbaidschans Öl und Gas wichtig blieben.
Anti-Aserbaidschan-Narrative im Westen seien zurückgegangen, so Mammadov, teils wegen versiegender NGO-Medien-Finanzierungen.
Er forderte Europa – vor allem Frankreich – auf, zu erklären, warum alte politische Signale an Armenien keine dauerhaften Ergebnisse gebracht hätten, sondern im Ende der OSZE-Minsk-Gruppe mündeten.
Russland–Ukraine, NATO und Europas Kalkül
Die Drohnenüberflüge in Polen und Rumänien sah er als russische Tests der NATO-Rotlinien. Doch diese Strategie beschleunige Europas Aufrüstung und stärke sowohl die USA als auch die EU – zum Nachteil Russlands.
Georgien und Nichteinmischung
Mammadov kritisierte westliche Appelle zum Regierungswechsel in Tiflis und begrüßte die Rückkehr zur Nichteinmischung. Er rief EU und Georgien auf, ihre Politik neu auszurichten.
Fazit
Der Südkaukasus befindet sich im Wandel: Aserbaidschans territoriale Integrität ist wiederhergestellt, während Frieden mit Armenien, Normalisierung mit der Türkei und Öffnung regionaler Verbindungen voranschreiten – abhängig davon, dass Baku, Eriwan und Tiflis eng zusammenarbeiten und externe Mächte keinen entscheidenden Hebel erhalten.
