Auf Düz Danışaq (YouTube) führten der Journalist Ismayil Jalilov und der Analyst Albert Isakov ein zweistündiges Gespräch über die Psychologie des armenisch-aserbaidschanischen Konflikts, seine Mythen und die Voraussetzungen für einen dauerhaften Frieden.
„Reales Armenien“ vs. mythologisierte Geschichte
Isakov verwies auf ein neues Regierungsdokument Armeniens, bekannt als Dokument 9104, das die Kulturpolitik vom militanten Nationalismus hin zu einem pragmatischeren „Realen Armenien“ lenken soll. „Es ist der Versuch, eine ganze Weltanschauung von einer mythologisierten, maximalistischen Vergangenheit in die konkrete Realität zu verlagern“, erklärte Isakov.
„Staatliche Mittel von kriegsverherrlichenden Projekten abzuziehen, verändert nicht alles über Nacht, aber es verändert die Anreize.“
Jalilov bezeichnete die Debatte als bedeutsam: „Zumindest diskutiert Armenien offen darüber, welche Kultur es finanzieren will. In Aserbaidschan bleibt die öffentliche Diskussion über Versöhnung fast völlig still.“
Die Maschinerie der Entmenschlichung
Beide beschrieben, wie Kinder mit vereinfachten, feindzentrierten Erzählungen aufwuchsen.
„So stellt man den Feind her: man entfernt alles Menschliche, übrig bleibt nur Schwarz und Weiß“, sagte Jalilov.
Isakov fügte hinzu, dass in Armenien die Apostolische Kirche nationalistische Mythen oft verstärkte und Armenier als ewig gemartertes Volk darstellte. Jalilov entgegnete, dass auch Aserbaidschan eine reaktive Radikalisierung erlebt habe, bei der Religion während des Krieges in die nationale Identität hineingezogen wurde.
Pashinyans Widersprüche
Der schärfste Austausch drehte sich um die Rhetorik von Premierminister Nikol Pashinyan. Jalilov zeigte Aufnahmen, in denen Pashinyan vor „Märtyrern“ kniet, und fragte, wie dies mit seinem früheren Slogan „Karabach ist Armenien, Punkt“ und seiner späteren Anerkennung „Karabach ist Aserbaidschan“ zusammenpasst.
„Wenn Karabach heute Aserbaidschan ist, was machten diese Soldaten gestern dort?“ fragte Isakov.
„Sind sie Helden, Verteidiger – oder gefallene Besatzer? Pashinyan deutet nun ihren Tod als Übergang zum ‘Realen Armenien’ um. Für mich klingt das nach Zynismus.“
Jalilov wies auf das größere Paradox hin: „Der gleiche Mann, der Rekruten nach Karabach schickte, um zu sterben, nennt sie jetzt Märtyrer, die den Weg zum Frieden gezeigt haben. Wie können Gesellschaften mit diesem Widerspruch leben?“
Der Ruf nach Dialog in Aserbaidschan
Das Gespräch endete mit einer Herausforderung an Jalilovs eigenes Publikum. Während Armenier neue kulturelle Leitlinien diskutieren, sagte er, riskiere Aserbaidschan, passiv auf offizielle Signale zu warten.
„Generationen sind damit aufgewachsen, Armenier als Feinde zu sehen“, warnte Jalilov.
„Soll der Frieden dauerhaft sein, müssen wir uns eine zukünftige Identität vorstellen, die nicht auf Hass basiert. Und diese Diskussion muss auf Aserbaidschanisch beginnen, in unserer eigenen Gesellschaft – nicht nur in der Regierung oder im Exil.“
