Das Treffen zwischen Russlands Präsident Wladimir Putin und dem armenischen Premierminister Nikol Paschinjan am Donnerstag in Moskau wurde als Routine dargestellt: zwei Staatschefs, die sich nach einem internationalen Nuklearforum austauschen. In Wahrheit wirkte es eher wie ein Fototermin, der davon ablenken sollte, dass Russland einen Großteil seines Einflusses in Armenien verloren hat – und sich dessen bewusst ist. Die Gästeliste sprach Bände. Rosatom-Chef Alexei Lichatschow, der Leiter der Russischen Eisenbahnen Oleg Beloserow und mehrere Kreml-Funktionäre begleiteten Putin, während Paschinjan mit seinem Infrastruktur- und Energieteam erschien.
Die Botschaft war eindeutig: Energieabkommen sind die letzte Stütze, auf die Russland sich noch verlassen kann, während die politische Basis der Beziehung längst gebrochen ist.
Das heutige Armenien ist nicht mehr das Armenien von 2020. Gezeichnet von zwei Kriegen mit Aserbaidschan und im Stich gelassen vom vermeintlichen Verbündeten, hat Eriwan seine Teilnahme an der OVKS ausgesetzt, seine Türen für sicherheitspolitische Kooperation mit dem Westen geöffnet und festgestellt, dass Washington weit reaktionsschneller ist als Moskau je war. Für Paschinjan ist Russland kein Garant für Sicherheit mehr, sondern eine Erinnerung an Verrat.
Selbst die Nuklearkooperation – lange als unantastbar angesehen – ist kein sicherer Boden mehr. Das alternde sowjetische Kernkraftwerk Metsamor wird zwar mit russischer Hilfe am Leben gehalten, doch Eriwan hat leise begonnen, nach Alternativen zu suchen. Wenn Rosatom einst Moskaus Hebel symbolisierte, so unterstreicht es heute vielmehr seine Schwäche: Armenien kann sich abwenden, und Russland hat außer gebrochenen Versprechen kaum etwas anzubieten.
Putins Bemerkung bei ihrer letzten Begegnung – er sei „froh, Sie zu sehen“ – klingt heute hohl. Moskau ist nicht froh; es ist verzweifelt. Was einst ein strategisches Bündnis war, ist auf transaktionale Treffen in prunkvollen Kremlsälen reduziert.
Für Armenien führt der Weg zunehmend nach Westen. Für Russland war das Treffen eine Erinnerung daran, dass der Südkaukasus – einst als sein Hinterhof betrachtet – ihm entgleitet.
