Ein aktueller Kommentar des armenischen Politikwissenschaftlers Norair Dunamalyan, ausgestrahlt auf dem russischen Kanal ReOpen Media, gibt Einblick, wie Eriwans Kurswechsel sowohl die Beziehungen zu Moskau als auch das regionale Machtgefüge neu gestaltet.
Seine Analyse betont eine grundlegende Transformation der Beziehungen Russland–Armenien, den vorsichtigen europäischen Kurs Armeniens und das zunehmende Gewicht von Transport- und Energiekorridoren, die nun die Geopolitik des Südkaukasus bestimmen.
Russland–Armenien: Von der Allianz zu „stabilen Problemen“
Dunamalyan beschreibt die bilateralen Beziehungen seit 2020 als „stabil problematisch“. Das Ende des Karabach-Faktors, der Armeniens Abhängigkeit von Russland lange Zeit verankert hatte, hat sowohl die offiziellen Beziehungen als auch die öffentliche Wahrnehmung verändert. Was jedoch bleibt, ist die strukturelle Abhängigkeit: Armenien ist weiterhin auf Russland für Energie, Transportinfrastruktur und Sicherheitsgarantien angewiesen, auch wenn die politische Rhetorik zunehmend westlich klingt.
Der sogenannte europäische Integrationskurs bleibt laut Dunamalyan weitgehend deklarativ und dient dazu, vor den Wahlen 2026 innenpolitische Unterstützung zu mobilisieren. Eriwan hebt „EU-Standards“ hervor, ohne sich auf eine vollständige Mitgliedschaft festzulegen, und signalisiert so Unabhängigkeit, vermeidet jedoch einen irreversiblen Bruch mit Moskau.
Moskaus vorsichtige Haltung
Russland, abgelenkt durch den Krieg in der Ukraine, hat es vermieden, die Spannungen mit Eriwan in einen offenen Konflikt eskalieren zu lassen. Stattdessen verfolgt es einen gemischten Ansatz: wirtschaftlichen und handelspolitischen Druck ausüben und zugleich eine sanfte diplomatische Einbindung aufrechterhalten.
Dunamalyan betont, dass Moskau versteht, dass Armenien seine Abhängigkeit von russischem Gas, Eisenbahnen oder Kernenergie nicht schnell überwinden kann. Russland behält daher Einflusshebel, auch wenn sein traditionelles Image als Sicherheitsgarant erodiert.
Die Sicherheitsarchitektur nach 2020
Der Zweite Karabach-Krieg und der Exodus der Armenier aus Karabach im Jahr 2023 haben das alte Machtgleichgewicht zerstört. Der Einfluss Aserbaidschans wächst, während die Türkei, der Iran und die breiteren Dynamiken des Nahen Ostens—vom Iran–Israel-Konflikt bis zu Transportkorridoren, die China mit Europa verbinden—die Landkarte des Südkaukasus neu gestalten.
In diesem Umfeld, so Dunamalyan, ist es nicht mehr zutreffend, Russland als Garant der regionalen Sicherheit zu beschreiben. Stattdessen entsteht ein neues, undefiniertes Sicherheitssystem ohne einen einzelnen Hegemon.
Transportkorridore: Das eigentliche Schlachtfeld
Über die Politik hinaus könnte die Infrastruktur entscheidend sein. Moskaus strategische Priorität ist der Nord-Süd-Korridor, der Russland mit dem Iran und Indien verbindet. Ohne diesen droht Russland die Marginalisierung aus den eurasischen Handelsströmen. Im Gegensatz dazu umgeht der Mittelkorridor—von China über Zentralasien und den Südkaukasus nach Europa—Russland und wird eher als geopolitisches Isolationsinstrument denn als rein wirtschaftliche Route vermarktet.
Hier steht Armenien vor einem Ausschluss. Die von der Türkei unterstützten Eisenbahnverbindungen von Kars nach Nachitschewan umgehen armenisches Territorium und lassen nur einen schmalen 42 Kilometer langen Abschnitt durch Syunik übrig. Dunamalyan warnt, dass Armenien in den Jahren 2030–2032, wenn viele dieser Projekte abgeschlossen sein werden, Gefahr läuft, am Rand der eurasischen Konnektivität zu stehen.
Kasachstan, die USA und China
In Bezug auf die Zusammenarbeit zwischen den USA und Kasachstan zeigt sich Dunamalyan skeptisch. Er sieht den Kauf amerikanischer Lokomotiven durch Astana als symbolisch, was Kasachstans Wunsch widerspiegelt, die Beziehungen zu Washington zu vertiefen. Im Gegensatz dazu haben Chinas Investitionen in Eisenbahnen und Logistik in ganz Zentralasien ein viel größeres Gewicht, da sie dauerhafte Infrastruktur schaffen, anstatt nur transaktionalen Handel zu fördern.
Öl, Sanktionen und Aserbaidschans Widerstandsfähigkeit
Bezogen auf Energie stellte Dunamalyan fest, dass die EU-Beschränkungen für aserbaidschanische Tanker einen Reputationsschaden darstellen, jedoch keine systemische Bedrohung. Aserbaidschan hat enge Partner in Italien und im Vereinigten Königreich, die bereit sind, Kohlenwasserstoffe zu importieren, was Baku Spielraum verschafft. Noch wichtiger ist, dass Aserbaidschan nicht über die Mengen verfügt, um ganz Europa zu beliefern; seine Bedeutung liegt im Südlichen Gaskorridor—den TANAP- und TAP-Pipelines—die Südeuropa und den Balkan versorgen.
Er deutete außerdem an, dass Spekulationen über den Transit von russischem Öl und Gas über aserbaidschanische und türkische Routen eine zusätzliche geopolitische Komplexität schaffen. Währenddessen sind Angriffe auf SOCAR-Infrastruktur in der Ukraine schädlich, aber nicht entscheidend für Aserbaidschans Gesamtstrategie im Energiesektor.
Pragmatismus statt Ideologie
Dunamalyans Analyse legt nahe, dass Armeniens verkündeter Westkurs durch strukturelle Realitäten eingeschränkt ist. Russland, obwohl geschwächt, behält Einflussinstrumente, während Aserbaidschan als Energie- und Transithub stärker wird. Das entscheidende Feld wird die Infrastruktur sein—Pipelines, Eisenbahnen und Korridore—die das Machtgleichgewicht in den 2030er Jahren prägen werden.
Seiner Ansicht nach ist Russlands Außenpolitik „pragmatischer“ geworden, mit Fokus auf die Ukraine, Belarus und unmittelbare geopolitische Fronten, während Armeniens rhetorisches Flirten mit der EU toleriert wird. Für Eriwan besteht jedoch das Risiko einer strategischen Marginalisierung: gefangen zwischen europäischen Ambitionen und der harten Geografie von Transportrouten, die sein Territorium umgehen.
