Der September in Baku steht traditionell für den Beginn des Studienjahres – und für Bewegung auf dem Mietmarkt. Doch im Studienjahr 2023–2024 erlebt die Hauptstadt eine Ausnahmesituation: Die Mieten steigen rasant, Studierende finden kaum bezahlbaren Wohnraum, und Universitäten wie Behörden suchen verzweifelt nach Lösungen.
Rasant steigende Mietpreise
In Yasamal kostet eine Zweizimmerwohnung inzwischen 600–650 Manat, eine Dreizimmerwohnung 750–1.000. In Neubauten liegt die Spanne zwischen 700 und 1.500 Manat. Während ein Student vor wenigen Jahren noch rund 150 Manat für die Miete zahlte, sind es heute durchschnittlich 200–250.
Makler Vafadar Akhundov erklärt: „Jeden September schießt die Nachfrage durch die Decke. Vermieter nutzen die Situation aus und treiben die Preise künstlich in die Höhe. Für viele Familien verschlingt die Miete mittlerweile die Hälfte ihres Monatseinkommens.“
Knappes Angebot verschärft die Lage
Das Problem liegt nicht nur in der hohen Nachfrage, sondern auch in der geringen Angebotsvielfalt. Viele Wohnungen werden ohne jegliche Modernisierung teuer vermietet. In Neubauten schlagen zusätzlich Nebenkosten zu Buche, die im Schnitt bis zu 10 % der Monatsmiete ausmachen.
Immobilienexperte Elnur Farzaliev betont: „Immer mehr Studierende sind gezwungen, in die Vororte und ins Umland auszuweichen – nach Chirdalan, Masazir oder in den Absheron-Bezirk. Das bedeutet tägliche stundenlange Fahrten und zusätzliche Transportkosten.“
Sowjetisches Erbe: Die Krise der Wohnheime
Noch kritischer zeigt sich die Situation in den Studentenwohnheimen. In der Sowjetzeit verfügte fast jede Hochschule über eigene Schlafsäle. Die Bedingungen waren zwar bescheiden, aber für viele Studierende eine sichere Unterkunft. In den 1990er-Jahren wurden jedoch zahlreiche Gebäude an Binnenvertriebene aus den von Armenien besetzten Gebieten übergeben.
Heute, im Zuge der „Großen Rückkehr“, kehren viele dieser Familien in ihre Heimatregionen zurück, und die Wohnheime werden nach und nach frei. Doch die meisten Gebäude sind nach Jahrzehnten ohne Sanierung in einem desolaten Zustand und unbewohnbar.
Beispiel einer Universität
Besonders deutlich wird das Problem an der Universität für Architektur und Bauwesen in Baku, die über einen der größten Wohnheimkomplexe des Landes verfügt. Wie Pressesprecher Nijat Abdulayev erklärt, wurde bislang nur ein Block vollständig renoviert: „Heute leben dort über 400 Studierende. Sie haben Zugang zu Sicherheit, Internet, Mensa und allen nötigen Einrichtungen. Die übrigen Blöcke hingegen sind für die Nutzung ungeeignet. Gemeinsam mit dem Bildungsministerium suchen wir nach Finanzierungsquellen für eine Sanierung.“
Stimmen aus dem Parlament
Abgeordnete des Milli Mädschlis verweisen auf das demografische Wachstum und die Explosion der Studierendenzahlen. 1992 gab es im Land knapp 100.000 Studierende, heute sind es über 246.000 – ein Plus von fast 150.000. Neue Wohnheime wurden in dieser Zeit kaum gebaut.
Elchin Mirzabayli erklärt: „Eine einfache Renovierung reicht nicht aus. Wir brauchen moderne, mehrstöckige Wohnheime. Zudem könnte die Verlagerung einiger Hochschulen in die Regionen und der Bau von Campusanlagen dort nicht nur Bakus Druck mindern, sondern auch die regionale Entwicklung fördern.“
Sein Kollege Jeyhun Mamedov ergänzt: „Der Staat muss eine aktivere Rolle übernehmen. Ohne den Bau neuer Wohnheime und die Sanierung alter Gebäude besteht die Gefahr, dass die Bildungsqualität sinkt – weil Studierende mehr mit der Wohnungssuche beschäftigt sind als mit dem Studium.“
Lösungsansätze
Ökonomen weisen darauf hin, dass die Last nicht allein auf dem Staat liegen darf. In internationalen Beispielen, etwa in der Türkei, baut vor allem der private Sektor Studentenwohnheime. Die Universitäten erhalten Quoten für ihre Studierenden, während der Staat als Regulierer der Mietpreise fungiert.
Vorgeschlagen werden auch öffentlich-private Partnerschaften, günstige Kredite für Bauunternehmen sowie die Nutzung internationaler Fonds und Studiengebühren zur Modernisierung der Infrastruktur.
Soziale Belastung
Das Wohnungsproblem entwickelt sich zunehmend zu einer sozialen Frage. Viele Studierende teilen sich mit vier oder fünf Kommilitonen eine Wohnung, um die hohen Kosten aufzubringen. Andere verbringen täglich mehrere Stunden im Pendelverkehr. Das beeinträchtigt ihre Gesundheit, ihre Motivation und ihre Studienleistungen.
Experten warnen: Werden in den kommenden Jahren nicht genügend moderne Studentenwohnheime errichtet, droht eine Verschärfung der Krise. Jeden September wiederholt sich das gleiche Szenario: steigende Mieten, soziale Spannungen und wachsende Belastungen für Studierende und ihre Familien.
Fazit
Der Mietmarkt und das System der Studentenwohnheime in Aserbaidschan stehen an einem Wendepunkt. Notwendig sind nicht nur finanzielle Investitionen, sondern auch eine langfristige Strategie: Modernisierung der Infrastruktur, Aufbau von Campusstrukturen und eine stärkere Einbindung des Privatsektors. Geschieht dies nicht, wird die Jugend die Hauptstadt weniger als Zentrum von Bildung und Chancen erleben, sondern vielmehr als Quelle von Stress und finanzieller Belastung.
