Die Unterzeichnung eines von den USA vermittelten Abkommens zwischen Armenien und Aserbaidschan über die Schaffung einer Transportroute durch Syunik (Sangesur) wurde von vielen vorschnell als „Friedenskorridor“ bezeichnet. Doch reicht diese Bezeichnung aus, um das Geschehen zu beschreiben?
Eine Chance für die Region oder ein Verzicht auf Souveränität?
Einerseits handelt es sich um ein lang erwartetes Projekt, das Aserbaidschan einen direkten Zugang zu den Weltmärkten eröffnet und Armenien wirtschaftliche Vorteile sowie weniger Isolation verspricht. Andererseits sorgt die 99-jährige Konzession unter US-Verwaltung in Jerewan für Besorgnis: Gegner der Regierung fragen sich, ob das Land nicht zur Arena fremder Interessen wird.
Moskau und Teheran verlieren an Boden
Für Russland und Iran bedeutet die neue Kommunikationsarchitektur im Südkaukasus eine direkte Verringerung ihres Einflusses. Moskau betrachtete die Region stets als seine Zone „natürlicher Präsenz“, während Teheran jedes Transitprojekt ohne seine Beteiligung als Bedrohung wahrnimmt. Deshalb klingen die scharfen Erklärungen und Ausdrucksformen der Unzufriedenheit so laut.
Die Türkei und die USA stärken ihre Positionen
Die Türkei erhält die Möglichkeit, den Sangesur-Korridor in ihre Strategie der „Türkischen Welt“ zu integrieren und Ankaras logistische sowie energetische Rolle zu stärken. Die USA hingegen sichern sich zum ersten Mal seit vielen Jahrzehnten eine direkte wirtschaftlich-politische Präsenz in der Region und verwandeln Infrastruktur in ein Instrument der Soft Power.
Innere Herausforderungen bleiben
Armenien muss noch einen schmerzhaften Prozess der Verfassungsreform durchlaufen, um die Bedingungen des Abkommens zu legalisieren. In Aserbaidschan hingegen erwartet die Gesellschaft konkrete wirtschaftliche Ergebnisse – mehr Handel, neue Arbeitsplätze, Investitionen. Werden diese Erwartungen enttäuscht, könnte der „Friedenskorridor“ leicht zur Quelle neuer Konflikte werden.
Zwischen Hoffnung und Sorge
Der Südkaukasus steht heute an einem Scheideweg. Für die einen ist dieser Korridor ein Symbol für Stabilität und zukünftigen Wohlstand, für die anderen ein Instrument der Einflussverteilung zwischen externen Akteuren. Die zentrale Frage lautet, ob die Länder der Region die neue Realität zu ihrem Vorteil nutzen können oder erneut zu Bauern in einem großen Spiel werden.
