Als der armenische Premierminister Nikol Paschinyan am Rande des Gipfels der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit in China mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zusammentraf, wirkten die Bilder vertraut: warme Worte, Hinweise auf “brüderliche Beziehungen” und ein Kreml-Sprecher, der ein “gutes und langes” Gespräch lobte. Doch hinter dieser diplomatischen Choreografie steckt eine Beziehung unter historischem Druck. Fast drei Jahrzehnte lang vertraute Armenien auf Russland als seinen wichtigsten Sicherheitsgaranten. Dieses Vertrauen zerbrach nach Moskaus passiver Rolle während des Karabach-Krieges 2020 und seiner Folgen, wodurch Eriwan desillusioniert und verletzlich zurückblieb. Seitdem hat Paschinyan schrittweise Schritte in Richtung westlicher Institutionen unternommen, zuletzt die von den USA vermittelten Friedensbemühungen mit Aserbaidschan unterstützt und eine Annäherung an europäische Standards geprüft. In diesem Kontext ist ein persönliches Treffen mit Putin sowohl symbolisch notwendig als auch politisch riskant.
Worte versus Realität
Die Mitteilung des Kremls betonte die Kontinuität —“brüderliche Bindungen”, institutioneller Dialog und die üblichen Allianzfloskeln. Doch in Eriwan klingen diese Phrasen zunehmend hohl. Armenien hat seine Teilnahme an OVKS-Militärübungen reduziert, den Nutzen russischer Friedenstruppen infrage gestellt und sich für diplomatische Rückendeckung an Washington und Brüssel gewandt. Paschinyans eigene Rhetorik, in Peking höflich, hat Russland in den letzten Monaten als Partner mit abnehmender Bedeutung dargestellt.
Die Wortwahl des Treffens —nützlich, substanziell, effektiv— reiht sich ein in eine lange Tradition diplomatischer Euphemismen, die ein Fehlen von greifbaren Ergebnissen kaschieren. Anders als bei früheren Gipfeln gab es keine neuen Vereinbarungen, keine angekündigten Projekte und keine sichtbaren Schritte, um die strategische Kluft zu überbrücken.
Moskau’s schwindender Einfluss
Für Putin, der vermitteln will, dass Russland im Südkaukasus weiterhin der unverzichtbare Schiedsrichter ist, erfüllen die Bilder eines Treffens mit Paschinyan noch einen Zweck. Der Kreml muss zeigen, dass Armenien nicht völlig verloren ist. Doch Moskaus Einfluss hat abgenommen: seine Sicherheitszusagen wirken leer, seine wirtschaftliche Anziehungskraft wird durch europäische Angebote herausgefordert, und seine militärische Überlastung in der Ukraine beschränkt seine Rolle im Kaukasus.
Paschinyans Team versteht das. Durch das Treffen mit Putin gewinnt es Zeit, vermeidet einen offenen Bruch und erhält die Kanäle, während Armenien seinen allmählichen Westkurs fortsetzt. Der armenische Premier hat gelernt, die Bilder auszubalancieren —warme Worte in Peking, aber Integrationsschritte in Washington und Brüssel.
Das größere Bild
Das Treffen dieser Woche verdeutlicht das Paradox der armenischen Außenpolitik. Paschinyan kann es sich nicht leisten, die Beziehungen zu Russland vollständig abzubrechen, nicht zuletzt wegen der Energieabhängigkeit und der Präsenz russischer Stützpunkte. Aber er kann es sich politisch ebenso wenig leisten, in Moskaus Umarmung zurückzukehren. Die von Putin gelobten “brüderlichen Beziehungen” existieren heute eher in der Rhetorik als in der Realität.
Für Aserbaidschan, die Türkei und die USA ist die Botschaft klar: Russland will noch am Tisch sitzen, aber Armenien fährt eine Absicherungsstrategie. Und für Moskau könnte der warme Händedruck in Peking weniger ein Zeichen der Loyalität sein als eine Erinnerung daran, dass der Einfluss im Kaukasus nicht mehr selbstverständlich ist.
