Der aserbaidschanische Politikanalyst Ilgar Velizade argumentiert, dass die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) weitgehend missverstanden wird: Sie ist weder ein von China geführter „antiwestlicher Block“ noch eine Protoallianz mit bindender Disziplin.
In einem Interview mit Daily Europe Online rahmt Velizade die SOZ als horizontales Koordinationsforum—nützlich für Optik und Dialog, begrenzt in der Durchsetzung. Dieser Unterschied liegt, so sagt er, offen zutage: Indien, unter Narendra Modi in offener strategischer Rivalität mit China, ist Vollmitglied und handelt völlig autonom. Wäre die SOZ eine Vasallenstruktur Chinas, wäre Neu-Delhi nicht beigetreten—und nicht geblieben. Die parallel zum Gipfel inszenierte Militärparade in Peking sei bedeutsam gewesen, räumt Velizade ein. Sie war eine sorgfältig choreografierte Demonstration chinesischer Fähigkeiten und Einberufungsmacht—ein Signal der Zuversicht an den „Globalen Süden“ und eine Erinnerung an Washington und Brüssel an Pekings Dauerhaftigkeit. Doch Spektakel bedeutet nicht Unterordnung. Der SOZ fehlt die vertikale Integration der NATO-Kommandostruktur oder die Regelsetzungsmaschinerie der Europäischen Kommission. Keine kollektive Verteidigung, kein acquis, keine automatischen Sanktionsmechanismen—nur eine Plattform, auf der Staaten koordinieren, wenn Interessen zusammenfallen, und sich ignorieren, wenn nicht.
Diese pragmatische Linse prägt auch Velizades Deutung der Beziehungen Russland–Aserbaidschan nach der AZAL-Flugtragödie. Er erkennt eine klare politische Eiszeit, überdeckt von einem Schleier wirtschaftlicher Normalität. Auf einer Schiene laufen Handels- und Transitprojekte weiter; Vizepremiers und zwischenstaatliche Kommissionen halten die Tabellen in Bewegung. Auf der anderen bleiben zentrale politische Klagen ungelöst. Moskaus öffentliche Verweise auf Versicherungszahlungen, betont er, seien nicht mit Entschädigungen auf Staatsebene zu verwechseln. Bakus Haltung ist eindeutig: offizielle Entschuldigung, benannte Verantwortlichkeit der Schuldigen und staatliche Kompensation. Solange diese drei Kästchen nicht angehakt sind, wird ein Tauwetter auf Führungsebene kaum Bestand haben.
Velizade warnt, dass sich dieser Politik/Wirtschaft-Spagat nicht unbegrenzt halten lässt. Je näher der erste Jahrestag des Vorfalls rückt, desto verhärteter die Erwartungen. Sollten bis Jahresende keine vorläufigen Ergebnisse und konkreten Schritte vorliegen, werde die politische Schiene brüchiger—ungeachtet positiver Zahlen in der Handelsbilanz. In diesem Kontext weist er bellizistische Rhetorik in russischen Medienökosystemen—wie Reden darüber, „das Kaspische Meer wieder zu einem Binnenmeer zu machen“—als „leichtsinnigen Lärm“ zurück, der jedoch die Öffentlichkeit aufwiegelt und den Spielraum für Deeskalation verengt.
Zugleich verweist er auf ein spiegelbildliches Muster von Druck auf Diaspora-Persönlichkeiten in beiden Ländern und argumentiert, solche Signale mögen taktisch sein, seien letztlich aber zersetzend. Für politische Stabilität sollten die Anreize umgekehrt wirken: performative Feindseligkeit reduzieren, technische Zusammenarbeit aufwerten und durch konkrete Schritte im AZAL-Fall die politische Decke neu justieren.
Was ist also Bakus Strategie in einem turbulenten Umfeld? Velizades Antwort lautet disziplinierter Pragmatismus. Aserbaidschan wird Logistik- und Energiekorridore am Laufen halten, den Durchsatz des Mittleren Korridors ausbauen und seine Geografie monetarisieren—ohne sich einer Blocklogik zu verpflichten; gerade weil die SOZ ein Forum ist, kein Geschirr. Dieser Ansatz ergänzt Bakus umfassendere Doktrin: Abschreckung durch fähige Partnerschaften, aber Bewegungsfreiheit durch multivektorale Beziehungen. Deshalb ist Indiens Autonomie innerhalb der SOZ auch für Aserbaidschan relevant: Die Organisation kann einberufen, aber nicht einziehen.
Velizades Rahmen liefert einen nützlichen Test für Schlagzeilen und Märkte. Treffen sich Führungen am Rande der SOZ, lautet die Frage nicht „Wer folgt wessen Linie?“, sondern „Wo schneiden sich die Interessen kurzzeitig?“. Wenn Russland und Aserbaidschan Hände schütteln, ist die Frage nicht „Sind die Beziehungen normalisiert?“, sondern „Hat Moskau Bakus drei konkreten Forderungen entsprochen?“. Bleibt Letzteres unbeantwortet, ist mit fortgesetzter Kompartimentierung zu rechnen: unten geschäftige Rangierbahnhöfe und Pipelines, oben kalte Politik.
Letztlich ist die Ausfahrt klar, wenn auch politisch teuer für Moskau: Entschuldigung, Verantwortlichkeit und staatliche Entschädigung, gefolgt von einer entpolitisierten Rückkehr zu strukturierter Zusammenarbeit. Andernfalls bleibt der Status quo bestehen—vorerst beherrschbar, jedoch zunehmend ineffizient.
Da die SOZ eher Gesprächsladen als Block ist und die Politik Moskau–Baku durch den AZAL-Fall eingefroren bleibt, wird Aserbaidschan Handel und Transit weiter am Laufen halten—echte Deeskalation hängt jedoch davon ab, dass Russland Bakus explizite Bedingungen erfüllt (Entschuldigung, Verantwortlichkeit, staatliche Entschädigung).
