NYU-Soziologe warnt vor Überinterpretation des Armenien–Aserbaidschan-Friedenstextes

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Georgi Derluguian, Soziologe an der NYU Abu Dhabi, riet im Südkaukasus zur Vorsicht gegenüber großen Erzählungen. Politik in der Region werde weniger von Masterplänen bestimmt als vielmehr von menschlichen Fehlern, falsch gelesenen Signalen und „sehr hellen Folgen aus sehr stumpfen, einfachen Ursachen“. Seine Aussagen machte er in einem Interview mit dem YouTube-Kanal ArmComedy, das in Jerewan aufgezeichnet wurde.

Ein breites Gespräch
In einem weitreichenden Austausch über die Gespräche Armenien–Aserbaidschan, Russlands Krieg in der Ukraine und sich verändernde regionale Ausrichtungen skizzierte Derluguian einen pragmatischen Weg für den Kaukasus, der Zeit, schrittweises Vorgehen und Zustimmung betont – statt Zwangslösungen nach dem Muster des „großen Knalls“.

Ein paraphiertes, kein abgeschlossenes Abkommen
Derluguian dämpfte die Aufregung um einen kürzlich paraphierten Armenien–Aserbaidschan-Text, da er weder vollständig unterzeichnet noch umgesetzt sei. Vorrangig gehe es nun darum, Zeit zu gewinnen, während sich das militärische und politische Gleichgewicht zwischen den beiden Staaten nach Jahren der Erschütterung neu ausbalanciere.

„Die heutige Linie ist ein Stellungspatt“, sagte er und beschrieb eine Konstellation, die Abenteuerlust entmutige.

Harte, maximalistische Klauseln drohen unter Druck zu brechen; weichere, reversible Schritte können Gewohnheiten bilden und Eskalationsanreize verringern.

Korridore im Drohnenzeitalter
Zum vorgeschlagenen Zangezur-Korridor meinte Derluguian, ein erzwungener Transit sei technisch möglich, aber ohne armenische Zustimmung strategisch sinnlos. In einem Gefechtsfeld, das von billigen, kleinen Drohnen gesättigt ist, „ist jede Route billig zu stören“.

„Man kann durchbrechen. Die Frage ist: Wer hält sie offen, zu welchem Preis und wie lange?“

Diese Logik dränge alle Seiten zu verhandeltem Zugang und Redundanz – mehrere Routen, gestaffelte Garantien und ökonomische Grundlagen, die eigenständig tragfähig seien.

Die USA und die Kunst des „Signals“
Derluguian beschrieb die Rolle der USA eher als transaktionales Schubsen denn als hohe Diplomatie. Die größere Gefahr liege in falsch gelesenen Signalen – Eliten, die Absichten durch Andeutungen und Zwinkern signalisieren und dann falsche Schlüsse ziehen. „Das ist so alt wie die Mafia und so modern wie die Geopolitik“, sagte er und warnte, dass Überinterpretationen selbstverschuldete Krisen hervorrufen können.

Russlands Grenzen – und bleibende Kosten
Behauptungen, Russland sei im Krieg stärker und autark geworden, widersprach Derluguian. Die Invasion von 2022 sei ein „riesiger strategischer Fehler“ gewesen. Krieg könne Fabriken mobilisieren, aber echte Autarkie sei ohne Werkzeugmaschinen, Talente und verlässliche Budgets schwer. Unabhängig vom Frontverlauf gehören eine mobilisierte Ukraine sowie Finnland und Schweden in der NATO bereits zur strategischen Bilanz – langfristige Kosten, die Moskau nicht wegwünschen kann.

Armeniens Politik: kleine Siege, stabilerer Boden
Im Inland profitiert Premierminister Nikol Paschinjan von verfassungsrechtlichem Schutz und davon, Teilschritte als „Siege“ darzustellen. Doch die Wählerschaft bewege sich hin zu jüngeren, technisch kompetenten „eigenen Kindern“ – einer Kohorte von Technokraten und Veteranen, die effektive Verwaltung über große Rhetorik stellen. Kleine zivilgesellschaftliche Erfolge – etwa Restaurants, die laute Musik um 23 Uhr reduzieren – seien Anzeichen eines Staates, der Grundregeln durchsetzen kann.

Aserbaidschan: Kompetenz und Konzentration
Für Aserbaidschan sieht Derluguian einen fähigen, zentralisierten Staat, dessen Hauptgefahren in Nachfolgedynamiken und Unmut über ungleichmäßige Entwicklung liegen. Die Bedrohung sei weniger ein äußerer Krieg als vielmehr interner Druck, wenn ökonomische Gewinne im Alltag nicht spürbar würden. In solchen Systemen komme Veränderung oft durch Elitenumbesetzungen statt durch Wahlen.

Der Kaukasus und „zwei Russlands“
Derluguian unterschied zwischen zwei Russlands: dem Russland der Schriftsteller, Wissenschaftler und Fachleute, von denen viele Zuflucht in Jerewan und Tiflis gefunden haben; und dem Russland der Fernsehbravado. Ersteres „erinnert sich, wer es aufgenommen hat“ und bildet eine kulturelle Brücke; letzteres verliere an Fähigkeit, Macht in den Kaukasus zu projizieren.

„Sie können Dinge verderben“, sagte er. „Aber sie können keinen Panzerzug mehr schicken.“

Strategie: hart planen, klug improvisieren
Unter Bezug auf den preußischen Strategen Helmuth von Moltke definierte Derluguian Strategie als das Erreichen von Zielen mit den verfügbaren Mitteln – detaillierte Pläne im Regal kombiniert mit Initiative vor Ort. In heutigen Bürokratien bedeute das oft, fähige Frauen und jüngere Offiziere/Analysten außerhalb traditioneller Netzwerke zu stärken.

Was bleibt
Derluguian zog eine nüchterne Linie:

  • Nicht überinterpretieren: Die meisten Schritte sind improvisiert; Vorsicht vor verschwörungsähnlichen Erzählungen.

  • Frieden ist iterativ: Gewohnheiten und Anreize aufbauen; brüchige Klauseln vermeiden.

  • Korridore brauchen Zustimmung: Zwang ist im Drohnenzeitalter leicht zu sabotieren.

  • Russlands Kriegsdividende ist dünn: Sicherheitsverluste überdauern Produktionsspitzen.

  • Armeniens Vorteil: zivile Vitalität, technikorientierte Jugend und Ruf als sicherer Hafen.

Der Soziologe schloss mit einer Überlebensmetapher aus dem frühneuzeitlichen Europa: Kleine Staaten sollten sich wie eine Katze verhalten – gut sehen, sich zwischen Riesen bewegen und „hart kratzen, wenn sie in die Enge getrieben werden“.

Die geäußerten Ansichten sind die des Interviewten und spiegeln nicht notwendigerweise die redaktionelle Haltung der Seite wider.

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