Die Hauptstadt Aserbaidschans bereitet sich auf den großflächigen Abriss alter und unsicherer Wohngebäude vor. Stadtbeamte erklären, die Maßnahme solle das Stadtbild modernisieren, doch schon jetzt wächst die Sorge vor steigenden Immobilienpreisen.
Bei einem Treffen in der Stadtverwaltung von Baku, das auf Anweisung von Präsident Ilham Alijew stattfand, kündigten die Verantwortlichen die Einrichtung einer Sonderkommission an. Diese soll Risikogebiete identifizieren und Abrissarbeiten planen. Im Fokus stehen veraltete und gefährliche Gebäude, die weder den Sicherheitsstandards entsprechen noch in den langfristigen Entwicklungsplan der Stadt passen.
„Baku wird nach dem im Jahr 2021 genehmigten Masterplan umgestaltet“, sagte der Immobilienexperte Elnur Farzaliyev gegenüber Kaspi. Viele unsichere Gebäude seien bereits abgerissen worden, um Platz für Straßen, Parks und Verwaltungsgebäude zu schaffen. Bewohner erhalten als Entschädigung Bargeld oder Ersatzwohnungen.
Historische Gebäude vs. moderne Bedürfnisse
Farzaliyev betonte, dass historische Stätten geschützt bleiben. Im Yasamal-Bezirk, wo derzeit Abrisse im alten „Sovetski“-Viertel stattfinden, werden Moscheen, Badehäuser, Bibliotheken und historische Gebäude bewahrt. „Das Gebiet wird in einen Park umgewandelt, während die Architektur aus dem 16.–19. Jahrhundert als Schutzzone erhalten bleibt“, erklärte er.
Auch im Nasimi-Bezirk gibt es kleinere Abrisse, und in naher Zukunft werden weitere Großprojekte erwartet.
Sicherheit vs. Erschwinglichkeit
Experten unterstreichen, dass Abrisse zwar gefährlichen Wohnraum beseitigen, zugleich aber die Preise hochtreiben. „Alte Wohnungen waren viel günstiger als neue“, erklärte Farzaliyev. „Wenn sie verschwinden, sinkt das Angebot, während Neubauten teurer sind. Das treibt zwangsläufig Mieten und Verkaufspreise in die Höhe.“
Schätzungen zufolge lagen die Mieten für Einzimmerwohnungen in Altbauten bei 300–350 Manat, während sie in Neubauten inzwischen 800–1.000 Manat erreichen.
Welche Bezirke sind am stärksten betroffen?
Laut dem Immobilienanalysten Anar Nasirov wird die Priorität auf akut einsturzgefährdete Gebäude gelegt. Aktuelle Abrissschwerpunkte sind die Bezirke Nasimi, Yasamal und Narimanov, wobei weitere hinzukommen könnten.
Nasirov betonte außerdem, dass Bewohner Anspruch auf finanzielle Entschädigung oder neue Wohnungen haben. „Alle Vereinbarungen müssen im Dialog getroffen werden — andernfalls landen die Fälle vor Gericht“, sagte er.
Wachsende Marktdruck
Nasirov warnte, jede neue Abrisswelle übe zusätzlichen Druck auf die Preise aus. „Wenn Familien Entschädigungen erhalten, kehren sie als Käufer auf den Markt zurück. Mehr Käufer bedeuten höhere Nachfrage — und damit zwangsläufig steigende Preise“, erklärte er.
Während die Behörden das Programm als überfällige Sicherheitsmaßnahme verteidigen, warnen Stadtplaner, dass ohne eine konsequente Politik für erschwinglichen Wohnraum die soziale Kluft in Baku zwischen den durch Abrisse verdrängten Bewohnern und den immer teureren Neubauten weiter wachsen könnte.
