Seit Beginn dieses Jahres sind die Gewinne aserbaidschanischer Banken rückläufig. Von Januar bis Mai 2025 erzielten die Banken einen Nettogewinn von 430,7 Millionen Manat – das sind 17,1 % weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Der operative Gewinn des Sektors fiel ebenfalls um 3,3 % auf 708,2 Millionen Manat. Die Zahlen zeigen klar den Abwärtstrend. Doch was steckt dahinter?
Steigende Kosten, sinkende Margen
Laut dem Finanz- und Bankexperten Ismayil Mammadov gibt es mehrere Gründe für den Gewinnrückgang:
„Einer davon könnte die Verringerung der Zinsmargen sein. Zwar sind die Zinserträge im Vergleich zum Vorjahr weiter gestiegen, doch die Zinsaufwendungen haben schneller zugenommen, was die Margen gedrückt hat. Dies ist besonders im Umfeld eines starken Wettbewerbs um Einlagen zu beobachten. Die Senkung des Leitzinses durch die Zentralbank (derzeit 7,75 %) hat zwar die Kosten für Kapital reduziert, aber die Banken mussten dennoch attraktivere Zinsen anbieten, um Einlagen zu gewinnen. Das hat den Abstand zwischen Zinserträgen und -aufwendungen verringert.“
Mammadov betont auch den Anstieg der Ausgaben:
„Der Anstieg der Kosten für Digitalisierung und strukturelle Ausgaben ist einer der Hauptgründe. Die allgemeinen Betriebskosten des Sektors sind gestiegen. Besonders die Investitionen in IT-Infrastruktur und digitale Transformation haben deutlich zugenommen. Der Digitalisierungsgrad ist im Vergleich zu 2024 um 15–20 % gestiegen, was sich in höheren Infrastruktur- und Technologiekosten niederschlug. Kurzfristig belastet das die Gewinne, langfristig ist es jedoch eine strategische Notwendigkeit für die Widerstandsfähigkeit und Effizienz der Banken. Auch die Personalkosten sind gestiegen. Der Druck auf dem Arbeitsmarkt, vor allem in den Bereichen Compliance, Geldwäscheprävention und Risikomanagement, hat die Nachfrage nach qualifiziertem Personal erhöht. Statistiken zeigen, dass die durchschnittlichen Gehälter im Bankensektor im vergangenen Jahr um 12–15 % gestiegen sind. Das hat zu höheren Betriebskosten und niedrigeren Gewinnen beigetragen.“
Probleme im Kreditportfolio
Der Experte erklärt, dass auch das Kreditportfolio und die Rückstellungen Einfluss hatten:
„In dieser Zeit verfolgten die Banken bei den Risiken in ihren Kreditportfolios eine konservativere Strategie. Zwar ist das Volumen notleidender oder überfälliger Kredite nicht gestiegen, doch der Anteil umstrukturierter Kredite (z. B. Laufzeitverlängerung, Zinssenkung oder teilweiser/vollständiger Schuldenerlass) hat zugenommen. Das führte dazu, dass die Rückstellungen für potenzielle Risiken erhöht wurden. So stiegen beispielsweise in vielen Banken die Rücklagen für Problemkredite im Vergleich zum Vorjahr um 10–12 %. Das reduzierte den Nettogewinn direkt. In der ersten Hälfte 2025 verlangsamte sich das Wachstum im Nichtölsektor, und die Nachfrage nach Konsumentenkrediten und Mikrounternehmenskrediten stagnierte. Laut Zentralbank sank das Wachstumstempo der Konsumentenkredite von 35 % im Jahr 2024 auf 20 % im Jahr 2025. Das führte dazu, dass die Krediteinnahmen hinter den Erwartungen zurückblieben.“
Für Mammadov ist der Rückgang des Nettogewinns in den ersten fünf Monaten 2025 keine Krise, sondern das Ergebnis struktureller Veränderungen und regulatorischer Anpassungen:
„Diese Entwicklungen machen den Bankensektor transparenter, widerstandsfähiger und technologieorientierter. Kurzfristig wird der Druck auf die Gewinne bestehen bleiben, doch langfristig werden sich die Finanzstabilität und die Servicequalität verbessern. Um die Verluste kurzfristig auszugleichen, könnten die Banken ihre Gebühren und Serviceentgelte erhöhen, insbesondere im digitalen Bereich und bei Kartenprodukten. Bei den Kreditzinsen werden in naher Zukunft keine wesentlichen Änderungen erwartet, da die Margen bereits stark unter Druck stehen.“
Ein Teil der Gewinne für Investitionen verwendet
Der Wirtschaftswissenschaftler Altay Ismayilov ist dagegen der Ansicht, dass der Rückgang nicht direkt mit den Krediten zusammenhängt:
„In dem genannten Zeitraum gab es keine wesentlichen Änderungen bei den Kreditzinsen. Die Gewinnrückgänge sind also nicht auf Kredite zurückzuführen. Ursache könnte eine Zunahme des riskanten Kreditportfolios sein, was sich negativ auf die Liquidität und die Gewinne der Banken auswirkt. Außerdem sank der operative Gewinn um 3,3 %, was ebenfalls den Gesamtrückgang beeinflusste. Der Anstieg der Investitionsausgaben ist ein weiterer Grund. Die Banken könnten einen Teil ihrer Gewinne für neue Investitionen verwendet haben. In letzter Zeit haben wir gesehen, dass die Einlagenzinsen erhöht wurden – ein klarer Hinweis darauf, dass mehr Kapital eingeworben werden soll. Statistiken zeigen, dass die an Spareinlagen gezahlten Zinsen gestiegen sind.“
