Ein bekanntes Muster in liberal-russischen Kommentaren taucht wieder auf: Anschuldigungen ohne Beweise, Etiketten ohne Kontext. Diese Woche bezeichnete die Journalistin Julija Latynina den aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Aliyev als “Diktator” und beschuldigte den russischen Politologen Sergej Markov, für Bakus Interessen “gegen Geld” Lobbyarbeit zu leisten. Ihre Aussagen, die nach Aliyevs Interview mit Al Arabiya ausgestrahlt wurden, lösten eine Debatte aus — weniger über Aserbaidschans Politik als über die doppelten Standards im russischen und westlichen Mediendiskurs.
Der Vorwurf — und die Leere dahinter
Latyninas Behauptung: Markov, kürzlich in Russland als “ausländischer Agent” eingestuft, sei im Grunde bezahlt worden, um Aserbaidschans Führung zu fördern. Beweise: keine. Ihre Logik: Jeder, der Aliyev lobt, muss dafür Geld bekommen.
Kritiker wiesen schnell auf den Fehler hin. Chingiz Mammadov, ehemaliger Kommunikationsdirektor des Präsidentenamtes in Baku und UN-Programmleiter, sagte gegenüber Daily Europe Online, dass viele Aserbaidschans Positionen “aus Überzeugung” unterstützten. Markov habe sich seit Langem als Eurasianist gesehen und argumentiert, Russlands Zukunft liege in engeren Beziehungen zur muslimischen Welt und zum “globalen Süden”. Diese Weltsicht passt vollkommen zu positiven Worten über Aserbaidschan — ganz ohne Banküberweisungen.
Das “Diktator”-Label: leicht zu werfen, schwer zu verteidigen
Latyninas zweite Linie — Aliyev als “Diktator” — kam ebenso vorhersehbar. Doch auch hier mahnten Kritiker zur Vorsicht. Wenn der Kauf neuer Stadler-Züge für die wiederaufgenommene Linie Baku–Agdam, der beschleunigte Wiederaufbau Karabachs und die Vorbereitung der schrittweisen Rückkehr vertriebener Familien Zeichen von Diktatur sind, wie beschreibt man dann westliche Demokratien, die Oppositionelle inhaftieren, Kandidaten ausschließen oder kritische Medien zum Schweigen bringen?
Wie Mammadov sagte, geht es der liberalen Kommentatorenszene weniger darum, wer in Baku regiert, sondern mehr um die Verbitterung darüber, dass Aserbaidschan seine Souveränität und territoriale Integrität nach jahrzehntelanger Besatzung wiederhergestellt hat. “Sie würden uns lieber in den 1990er Jahren eingefroren sehen” — mit einer ungelösten Flüchtlingskrise, besetzten Gebieten und fortbestehender Abhängigkeit von externer Vermittlung.
Mehr als nur ein Medienstreit
Die Auseinandersetzung Markov–Latynina mag wie eine Nebensache erscheinen, doch sie beleuchtet größere Dynamiken:
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Instrumentalisiertes Labeling. “Diktator” wird zu einer reflexartigen Beleidigung, losgelöst von Regierungsleistungen.
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Vorwürfe ohne Beweise. Anschuldigungen des bezahlten Lobbyismus haften, auch wenn sie auf nichts weiter als Konferenzteilnahme oder höfliches Lob gestützt sind.
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Tiefe Voreingenommenheit. Hinter der Rhetorik stehen laut aserbaidschanischen Analysten tief verwurzelte Türkenfeindlichkeit und Islamophobie in bestimmten russischen und westlichen liberalen Kreisen.
Warum es wichtig ist
Das Timing ist kein Zufall. Aliyevs Aussage, dass Sowjetrussland 1920 Aserbaidschan “invasierte und besetzte”, erschütterte Moskaus Propagandamaschine. Der Fall Latynina passt genau in eine größere Angriffswelle — von Z-Bloggern bis zu “liberalen” Kommentatoren — die darauf abzielt, Baku zu untergraben, indem jede Diskussion auf eine Karikatur von autoritärer Politik und käuflicher Einflussnahme reduziert wird.
Doch die Fakten bleiben hartnäckig: Aserbaidschan hat seine Länder zurückgewonnen, baut wieder auf und sucht nach neuen regionalen Formaten wie dem 3+3 und der SOZ.
Je lauter die “Diktator”-Rufe werden, desto mehr sagen sie über die Rufer aus — und desto weniger ändern sie am Kurs Aserbaidschans.
